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	<title>Maulbeerblatt &#187; Serie</title>
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	<description>Kommt immergrün aus Friedrichshagen, die Köpenicker Illustrierte für Erlesenes</description>
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		<title>Es war einmal im Wilden Westen 7</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 16:19:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Koepcke und Weinhold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Wilde Westen im Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Serie]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3230" title="WildWest-Titel-7" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/05/WildWest-Titel-71.jpg" alt="WildWest-Titel-7" width="460" height="86" /></p>

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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/1.jpg" title="„Sei willkommen Hungriger Bär, du großer Häuptling der Chirokesen! Wieviele Monde sind vergangen, seid wir das letzte Mal beisammen saßen?” „Eine Ewigkeit ist es her, seit ich Tipitapi, den weisen HŠuptling der Apanschen sah. Harter Fels, mein stolzer Sohn, war noch ein Kind. Heute ist er gekommen, um das schönste Mädchen deines Dorfes zur Frau zu nehmen. Schau her Tipitapi, all diese Schätze sollen dir gehören, sobald wir uns einig sind.“
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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/2.jpg" title="Tipitapi musste die Chirokesen enttäuschen. „Tut mir leid, aber Duftende Rosenblüte ist bereits meinem Sohn Starker Hirsch versprochen. Da kann ich leider gar nichts machen.“ Ohne einen Gruß verschwanden die Chirokesen mitsamt ihren Hochzeitsgeschenken. Nachdem Duftende Rosenblüte am nächsten Morgen zum Wasserholen gegangen war, blieb auch sie verschwunden. Ein riesenhafter Chirokese hatte die ganze Nacht auf der Lauer gelegen." class="shutterset_set_49" >
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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/3.jpg" title="„Meine Liebste ist verschwunden? Dahinter kann nur Harter Fels stecken!“ Voller Zorn sprangen Starker Hirsch, Johnny Long Gun und Jimmi Donnerknall auf ihre Pferde und ritten drei Tage und Nächte ohne Pause, bis in das Tal der hinterhältigen Chirokesen. Vorsichtig erkundeten sie die Lage und schließlich entdeckten sie das Haus des Häuptlings. „Die feigen Hunde haben es aus Stein gebaut.“ Alles schien hoffnungslos und guter Rat war teuer." class="shutterset_set_49" >
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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/4.jpg" title="„Freu dich, meine Süße. Heute ist der schönste Tag in deinem Leben, denn gleich beginnt unser Hochzeitsfest und du wirst meine Frau für alle Zeiten.“ „Vergiss es! Niemals werde ich einen feigen Chirokesen heiraten. Wenn ihr mich nicht sofort nach Hause bringt, wird Starker Hirsch mich holen und dann wird tatsächlich eine Hochzeit gefeiert!“ „Darauf würde ich mich nicht verlassen. Unser Haus ist aus hartem Fels gebaut. Niemand kann dir jetzt noch helfen!“" class="shutterset_set_49" >
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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/5.jpg" title="Leise, ganz leise, wehte der Wind in das Tal der Chirokesen. Langsam hob er zu einem fernen Rauschen an, zu einem dunklen Grollen, einem lauten Donnern und plötzlich kam eine Herde wilder Bisons wie ein Orkan in das Tal gestürmt. Ihrer Hufe dröhnte angsteinflößend und wurde als tausendfaches Echo von den Felswänden zurückgeworfen. „Dreht sich um ohne zu Grüßen! Nicht mit mir! Nicht mit mir!“ Oh, oh, Tipitapi war wirklich nicht in bester Stimmung." class="shutterset_set_49" >
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			<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/gallery/wilder-westen-7/6.jpg" title="Mühelos und ohne Zögern rasten die Tiere durch das Haus der Chirokesen, als hätte es jemand aus Pappe gebaut. Mit lautem Knall brach alles zusammen. Duftende Rosenblüte war wieder frei und glücklich. Die frevelhaften Chirokesen sind seither höflich und sehr zuvorkommend. " class="shutterset_set_49" >
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		<title>Der Spreepark und seine Geschichte Teil 4</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Serie]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz 1998 beschlossen hatte, dass der Plänterwald zu schützendes Naturschutzgebiet sei, fühlten sich die Wittes als Betreiber des Spreeparks gegen die Wand gefahren. Der Versuch, „den VEB Kulturpark in einen Freizeitpark moderner Prägung umzugestalten“, schien damit vom Senat sabotiert zu werden, denn, so schrieb die Spreepark GmbH 2001, „es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz 1998 beschlossen hatte, dass der Plänterwald zu schützendes Naturschutzgebiet sei, fühlten sich die Wittes als Betreiber des Spreeparks gegen die Wand gefahren. Der Versuch, „den VEB Kulturpark in einen Freizeitpark moderner Prägung umzugestalten“, schien damit vom Senat sabotiert zu werden, denn, so schrieb die Spreepark GmbH 2001, „es sei nie vorgesehen gewesen, den Plänterwald ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung zum Landschaftsschutzgebiet umzuwandeln“. Dass der Senat etwas gegen den Spreepark hatte, kann man auch einer Äußerung des damaligen Stadtrats Christian Muhs entnehmen: „Der Freizeitpark ist ein Krebsgeschwür im Plänterwald.“<span id="more-3206"></span></p>
<p>Die Wittes mussten nun den Rummelplatz wieder verkleinern, was wieder immense Unkosten bedeutete – der Bau des 10 Mio DM teuren Geisterschlosses wurde gestoppt, und mehr Parkplätze bekamen sie nach wie vor nicht. Mit der Umweltkeule hatte der Senat nun eine hübsche Ausrede, mit der er Wittes Parkplatzanträge immer wieder elegant abschmettern konnte. Umweltschutz kommt schließlich immer gut, und Umweltschutz ist ein schönes Totschlagargument, weil man darüber nicht diskutieren kann – wer es versucht, hat gleich den Ruf weg als einer, dem das Wohl der Natur schnurz ist.</p>
<p>Die Parkplatzprobleme und die problematische Verkehrsanbindung des Geländes waren für Witte aber wesentliche Faktoren dafür, dass von Jahr zu Jahr weniger Besucher ihren Weg zum Spreepark fanden. Da ihm der Senat nicht nur nicht half, der Besuchermisere entgegenzutreten, sondern ihm mit der Naturschutz-Schiene auch noch in den Rücken fiel, rutschte der Spreepark bald mehr und mehr in die roten Zahlen – neue Attraktionen, Reparaturen an den alten und auch Werbung fraßen eine Menge Geld, das nicht wieder reinkam. Und so wird sich Witte irgendwann gedacht haben: „Wozu reiß ich mir hier eigentlich den Arsch auf? Wenn das denen wurscht ist, was mit dem Rummel passiert, dann sollen sie sich ihren Spreepark doch achtern reinschieben!“ Die Presse stürzte sich dann 2002 wollüstig auf die Mär von Norbert Wittes „Flucht“ nach Peru – „heimlich“ habe er sechs Fahrgeschäfte verschifft, und überdies hätte er noch 30 Mio Schwarzgeld aus dem Spreepark im Gepäck, die ihm in Lima als Aufbaukapital dienen sollten. Woher aber hätte Witte so viel Geld haben sollen? Außerdem: Wenn er dieses Geld besessen hätte, hätte er doch gar nicht abhauen müssen! Und wie, dies fragt sich auch Christopher Flade, der Archivar der Homepage www.berliner-spreepark.de, will man sechs Rummelplatz-Fahrgeschäfte „heimlich“ über die Grenze „schmuggeln“? Wie will man eine derart große Aktion in Nacht und Nebel quasi unbemerkt und illegal deichseln? Wie kommen die Medien überhaupt auf „Illegalität“ und „Flucht“? Wovor hätte Norbert Witte „fliehen“ sollen? Er war ja nicht mal der Unterzeichner des Spreepark-Vertrages, das war seine Frau Pia. Und wenn es eine Flucht gewesen wäre, dann hätte er vermutlich auch nicht zwischen Peru und Berlin pendeln können.</p>
<p>Der Luna-Park in Lima war für die Wittes die Chance, die sich ihnen für einen Neuanfang bot. In Berlin saß das ganze Projekt im Senatssumpf fest, da ging nichts mehr. Und so griffen sie nach dem Strohhalm aus Peru.</p>
<p>Hätte die Sause dort funktioniert, hätte sich Witte bestimmt engagiert auch um den Berliner Rest bekümmert; so jedenfalls schätzt man ihn auch im Film ACHTERBAHN ein: als einen zwar risikofreudigen, aber auch tatkräftigen,sympathischen und zupackenden Mensch.</p>
<p>Doch sie funktionierte nicht. Die Karussells steckten in Peru ein Dreivierteljahr im Zoll fest. Als man sie endlich rausbekam, wurden – obwohl Witte ja ebendeshalb keine Einnahmen gehabt hatte – auch noch Standgebühren von ihm verlangt dafür, dass sie so lange im Zoll hatten rumgammeln dürfen. Und dann stellte sich raus, dass sie tatsächlich rumgegammelt hatten, denn sie gingen ziemlich schnell kaputt – ein neun Monate langes Rumstehen in geschlossenen Containern in feuchtheißer Umgebung ist für Karussellteile eben auch nicht gesund.</p>
<p>Und in Berlin wurde seit 2002 kein Handschlag mehr getan. Eine Anfrage des MBB beim zuständigen Stadtrat im Bezirksamt Treptow-Köpenick, Reiner Hölmer, ergab, dass das „Bebauungsplanverfahren 9-7 (Spreepark)“ seit 28. Mai 2002 laufe, es hätte seither mehrere Interessenten gegeben, doch bisher sei nichts unterschrieben und also auch nichts fix. Auf Deutsch: Große Eile scheint man damit nicht zu haben. Den Namen Witte erwähnte Hölmer kein einziges Mal, stattdessen verweist er auf die „Liegenschaftsfonds GmbH“, der es obliege zu klären, ob der Interessent Verfügungsberechtigter über das Baugrundstück werde und – weit wichtiger – ob er die finanzielle Absicherung der Gesamtentwicklung leisten könne. Ach, und klar: die Neunutzung käme nur auf dem Gelände des ehemaligen Spreeparks plus des denkmalgeschützten Eierhäuschens in Frage, dürfe auf keinen Fall das umliegende Land tangieren, da dieses den „Status Wald“ innehabe.</p>
<p>Wer ist denn überhaupt „Verfügungsberechtigter“ des Baugrundstücks? Sind das noch die Wittes? Wurde denen nicht schon längst gekündigt? Nein, schrieb die taz am 2.4.09, denn genau davor schreckt Berlin zurück: Wenn man Norbert Witte den Vertrag kündigt, dann muss die Stadt für die rund 11 Mio € Schulden aufkommen, für die sich die Spreepark GmbH damals der Deutschen Bank gegenüber verbürgt hatte.</p>
<p>Und Witte? Das Insolvenzverfahren, das die Spreepark GmbH damals gegen ihn angestrengt hatte, wurde eingestellt, da bei ihm nichts zu holen ist.</p>
<p>Jedenfalls müsse, so sagte die Liegenschaftsfonds GmbH letztes Jahr, erst die Übernahme der Altschulden geklärt werden. Und bis dahin… Däumchendrehen, Kaffeetrinken und dem Unkraut beim Wachsen zugucken. Immerhin scheint es jetzt mal einen Interessenten zu geben, der alle Voraussetzungen erfüllt: Er ist reich, er wird den „Status Wald“ des Plänterwalds nicht antasten und er wird auch darüber hinaus keinen Lärm und wenig Dreck machen. Die Kleist Projekt Development GmbH hat ihr Projekt „Lost Worlds“ vorgestellt, eine Art Dino-, Mythen- und Antike-Park, wo man in mehreren Museen das Leben früher studieren kann. Anscheinend haben die Präsentationen, die im Sommer ‘09 stattfanden, dem Senat gefallen; allerdings betonte Hölmer, dass „die Klärungen bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen“ seien. Also: Unterschrieben ist noch nix. Und wann was unterschrieben wird, weiß kein Mensch.</p>
<p>Am liebsten wäre es ihnen wohl sowieso, wenn nochmal acht Jahre verstrichen und nochmal und nochmal, bis wirklich der ganze ehemalige Spreepark inklusive Riesenrad restlos unter dem Moos und Gestrüpp verschwunden wäre. Dann müsste man den Senatssumpf nicht mehr ausheben, weil der dann sowieso verjährt wäre, und obendrein könnte man sich noch Ruhm und Ehre von der Umweltschutzfraktion abholen, weil man dann ja wirklich mächtig viel für das Naturschutzgebiet Plänterwald getan hätte. Und die Naturfraktion fordert ohnehin, dass man auf dem Areal gar nichts mehr bauen, sondern es Mutter Erde zurückgeben solle.</p>
<p>Ende der 4-teiligen Serie</p>
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		<title>Vom Kulturpark zum Spreepark</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Serie]]></category>

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Der Spreepark also. Wenn man an der Haltestelle Treptower Park aussteigt und schön am Wasser entlang Richtung Südosten zwitschert, dann kommt man irgendwann zur „Zenner- Bar“, hinter der der Weg einen Knick macht, dann kommt ein Naturschutzschild mit dem Zusatz, dass hier für Hunde „Leinenzwang“ herrsche, dann kommen ein Grillschiff und ein Parkplatz – und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3103" title="Riesenrad" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/03/Riesenrad.jpg" alt="Riesenrad" width="460" height="220" /></p>
<p>Der Spreepark also. Wenn man an der Haltestelle Treptower Park aussteigt und schön am Wasser entlang Richtung Südosten zwitschert, dann kommt man irgendwann zur „Zenner- Bar“, hinter der der Weg einen Knick macht, dann kommt ein Naturschutzschild mit dem Zusatz, dass hier für Hunde „Leinenzwang“ herrsche, dann kommen ein Grillschiff und ein Parkplatz – und dann sieht man eigentlich nur noch Bäume rechts und Wasser links. Ein paar Jogger kommen vorbei, ein paar Radfahrer. Hier irgendwo muss doch das blöde Riesenrad sein! Hier irgendwo muss doch der ehemalige Spreepark sein, die Dinos, die verfallenen Kassenhäuschen, die moosüberwachsenen Karussells und all das, was man im Film ACHTERBAHN sieht. Ich stelle fest, dass da ein Zaun ist, rechts, um die Bäume rum. Also kann ich nicht einfach so querfeldein stapfen. Ich gehe da, wo der Zaun aufhört, an ihm entlang in den Forst hinein – und plötzlich steht es direkt vor mir: das Riesenrad.<span id="more-3102"></span></p>
<p>Hier war von 1969 bis 1991 der „VEB Kulturpark Berlin“, und danach, bis 2002, der „Spreepark“. Über dreißig Jahre lang Remmidemmi und High Life, Lärm, Lichter, Achterbahn, Riesenrad, Ketten- und Kinderkarussell, Kindertheater, Stuntshows, Loopingbahn, Wildwasserbahn und noch ein Haufen weitere Attraktionen – seit 2002 holt sich die Natur das Areal zurück. Eine Geisterstadt ist es geworden, der ehemalige größte Rummelplatz der DDR, alles steht still, „die Lichter verglüht, die Blumen verblüht“, Gestrüpp und Unkraut wuchert, und überall sieht man noch Schneehaufen.</p>
<p>Das große Riesenrad war 1989, anlässlich des 40. Geburtstags der DDR, hingekommen – vorher stand da ein kleineres –, dann änderten sich die politischen Vorzeichen, und somit kann man es auch so sehen: Das Riesenrad ist das stehengebliebene Symbol der Stunde Null. Der „Kulti“, wie ihn die Ossis nannten, war zu DDR-Zeiten mächtig beliebt: Jährlich strömten bis zu 1,5 Millionen Besucher in den Plänterwald, und besonders in den Sommerferien wurde sich amüsiert auf Teufelkomm raus. Der Kulturpark war der einzige dauerhaft betriebene Rummel in der DDR, und was besonders wichtig war: Die Fahrgeschäfte stammten nicht aus der sozialistischen Zone, sondern wurden extra aus dem Westen importiert.</p>
<p>Auf diese Weise entstand auch der Kontakt zu Norbert und Pia Witte, die Ende der Siebzigerjahre in Hamburg arbeiteten: Pias Vater, selbst Schausteller, kaufte dem Kulturpark eine kaputte Achterbahn ab, die man in der DDR nicht reparieren konnte, Norbert Witte setzte sie wieder instand und betrieb sie als mobile Attraktion. Gleichzeitig waren die Wittes schon in den 80ern öfter zu Gast im Berliner Plänterwald; man kannte sich also. Und es war auch eine Art mystisches Homecoming für Norbert Witte, eine Art Nostos, denn Otto Witte, Norberts legendärer Großvater, hatte sich in den Dreißigerjahren mit seiner Familie in Berlin-Pankow (in der Wollankstraße) niedergelassen und war dann wohl auch auf dem „Rummelplatz Treptow“, wie die Gegend vor 1969 hieß, aufgetreten.</p>
<p>Nach der Wende musste der Berliner Kultursenat dann überlegen, was er mit dem ehemaligen „VEB Kulturpark“ machen wollte, und das Projekt wurde öffentlich ausgeschrieben. Die Familie Witte war zu der Zeit in ganz Europa unterwegs, um sich nach dem Kirmesunglück in Hamburg 1981 wieder hochzuarbeiten – Witte hatte damals seine Loopingbahn reparieren lassen, dabei war ein Kranarm in eine fremde Gondel geraten und hatte diese aufgeschlitzt. Es gab Tote und Verletzte, und da der Kran nicht versichert war, waren die Wittes danach pleite. Doch nun war da das Projekt Spreepark, und sie hatten Interesse daran und auch großartige Ideen. Jedenfalls wurde ihnen von insgesamt sieben Bewerbern der Zuschlag erteilt.</p>
<p>Die Besucherzahlen im Kulturpark waren nach der Wende zunächst zusammengebrochen, doch die Kultursenatoren trauten Witte zu, dass er die Attraktionen so um- und ausbauen würde, dass es auch für Wessis lohnend war, hierher zu kommen. Der Rummelplatz, damals nur auf etwa einem Drittel des gesamten Geländes stehend, sollte ausgedehnt werden zu einem „Freizeitpark“ nach westdeutschem Vorbild. Die Wittes legten sich ins Zeug, investierten Unsummen – doch es sollte nie so richtig was werden. Wie Christopher Flade auf seiner großartig recherchierten Informationsseite berliner-spreepark. de analysiert, waren daran nicht nur Norbert Wittes oft kritisierter „Größenwahn“ oder die hohen Reparatur- und Wartungskosten schuld, sondern auch der Filz im Berliner Kultursenat sowie konträre Interessen anderer Senatsressorts. So hätte Witte z. B. etwa vier Millionen DM aus dem „Aufbau Ost“-Topf erhalten unter der Bedingung, dass der Erbpachtvertrag für das Grundstück innerhalb von 4 Jahren zustande käme – doch obwohl Wittes Spreepark schon ab 1992 lief, wurde der Vertrag erst 1997 unterzeichnet. „Gönnte man dem Unternehmen keine Subventionen?“, fragt Flade. Vertraute man Witte nicht recht, weil man noch die Sache mit dem Hamburger Unglück im Kopf hatte? Sollte er deshalb alles allein bezahlen? Oder warum bearbeiteten die Zuständigen alles extra langsam? Zweiter Hemmschuh: Kaum war der Vertrag unterzeichnet, meldete sich die „Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz“ und verkündete, dass der gesamte Plänterwald unter Naturschutz stehe und davon auch das Rummel-Areal betroffen sei. Folge: Der Rummel musste verkleinert werden, und Witte bekam auch keine weiteren Parkplätze, die er immer und immer wieder beantragte. Hätte man das mit dem Naturschutz schon 1991 gewusst bzw. anmerken lassen, dann könnte der Spreepark heute noch stehen, denn dann hätten die Wittes nicht an die 40 Millionen DM in das geplante Großprojekt investieren müssen, um es dann sechs Jahre später auf Weisung von oben wieder verkleinern zu müssen. Und dann hätte Witte nie so hohe Schulden machen müssen, was ihn dann 2002 zum Abhauen zwang.</p>
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		<title>Der Karussell-König</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Mar 2010 06:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Serie]]></category>

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		<description><![CDATA[
von Otto zu Norbert Witte
Die Risikobereitschaft, die Abenteuerlust und das nicht totzukriegende Stehaufmännchensyndrom, das waren und sind die Charaktereigenschaften des Schaustellerclans der Wittes. Da ging es nicht einfach um ein Rummelbüdchen, das die Väter jeweils ihren Söhnen vererbten – nein, es mußte schon etwas mehr sein.
Otto Witte landete nach seiner gelungenen Flucht aus Albanien im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2972" title="spreepark" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/03/spreepark.jpg" alt="spreepark" width="460" height="250" /></p>
<p><em><strong>von Otto zu Norbert Witte</strong></em></p>
<p>Die Risikobereitschaft, die Abenteuerlust und das nicht totzukriegende Stehaufmännchensyndrom, das waren und sind die Charaktereigenschaften des Schaustellerclans der Wittes. Da ging es nicht einfach um ein Rummelbüdchen, das die Väter jeweils ihren Söhnen vererbten – nein, es mußte schon etwas mehr sein.<span id="more-2884"></span></p>
<p>Otto Witte landete nach seiner gelungenen Flucht aus Albanien im Februar 1913 zunächst in der Psychiatrie in Salzburg. Er hatte natürlich noch einige der wertvollen Geschenke mitgenommen, die man ihm in Tirana übergeben hatte, und da gab es nun Scherereien, als ihm die Zollbeamten diese aus den Taschen zogen. „<em>Wie heißen Sie?</em>“ – „<em>Otto Witte.</em>“ – „<em>Und was sind das für Perlen?</em>“ – „<em>Ja, wissen Sie, das hab ich zur Krönung geschenkt bekommen. Ich bin nämlich der ehemalige König von Albanien.</em>“ – „<em>Wie bitte?! </em>“ Will uns dieser Lump vergackeiern? Otto wurde verhört, denn man glaubte ihm nicht. Man sandte ein Telegramm nach Tirana, um sich bestätigen zu lassen, ob man dort einen Otto Witte kenne, der vorgibt, albanischer König zu sein? Nein, lautete die Antwort aus Tirana, kennen wir nicht – nun ja, wer gibt schon gern zu, daß er von einem Hochstapler geleimt wurde? Also kam Otto als gefährlicher Irrer (hält sich für den König von Albanien und hat wohl auch Schmuck geraubt!) in die Klapse und blieb dort, bis der Chefarzt ein paar Tage später mit einer alten Zeitung ankam, in dem über die Krönung des albanischen Königs berichtet wurde – mit Bild. „<em>Sehen Sie</em>“, sagte Otto, „<em>glauben Sie mir jetzt? Ich bin wirklich der Ex-König von Albanien!</em>“ Und grinste. Und man ließ ihn laufen.</p>
<p>Damals waren die Medien noch nicht so flächendeckend und so schnell wie heute, und so wußte Otto nicht, ob man zuhause in Heimbach schon von seiner Köpenickiade auf dem Balkan erfahren hatte. Doch inzwischen hatten sich auch die Salzburger Zeitungsfuzzis auf die Story gestürzt, und so reiste Otto seinem royalen Ruf hinterher und wurde, daheim angekommen, von seiner Frau ausgeschimpft, die besonders die Tatsache auf die Palme brachte, daß Otto im Palast in Tirana einen eigenen Harem gehabt hatte, mit 11 (!) hübschen jungen Mädchen darin!</p>
<p>Otto Witte hatte seine Familie nicht in seine Balkanabenteuer hineingezogen. Seine Frau lebte mit den vier Kindern in Heimbach, während Otto in der Weltgeschichte herumturnte. Dabei wird es wohl schon so gewesen sein, daß Otto den Spionage-Auftrag annahm, um ein wenig hinzuzuverdienen, und den Albanien-Coup dann als Krönung – Achtung Doppeldeutigkeit! – hintendranhängte. Und da er davongekommen war und es, außer dem kurzen Aufenthalt in der Klapse, keine ernsten Folgen gegeben hatte, wurde der Coup dann auch schön ausgeschlachtet und wieder und wieder erzählt. „<em>Unser Opa</em>“, erinnerten sich Ottos Enkelinnen später, „<em>hat halt gerne rumgesponnen.</em>“ Mit seiner „<em>Lieblingstochter</em>“ trat Otto in den Endzwanzigern und später in Revuen als „König Otto und Prinzessin Elfriede“ auf, entsprechend kostümiert: er mit türkischem Fez und seiner Phantasieuniform am Leib, Elfriede im orientalisch gemusterten Bordürenkleid.</p>
<p>Norbert Witte, geboren 1955 in Hamburg, war nach Otto der nächste „<em>royale</em>“ Witte der Dynastie: als „<em>Karussell-König</em>“ wurde er Ende der Siebzigerjahre bekannt. Norberts Vater, Ottos jüngster Sohn Karl, war ein eher braver, solider, ruhiger Charakter gewesen, doch bei Norbert machten sich Opas Gene wieder bemerkbar. Ottos Risikofreudigkeit und sein Stehaufmännchensyndrom, gewürzt mit einer Prise Phantasie und Größenwahn, hatte Norbert geerbt. Alles auf eine Karte setzen, wer wagt, gewinnt – und wer nicht gewinnt, nun, dem fällt dann schon was anderes ein.</p>
<p>In die Zeitungen kam Norbert zuerst, weil sein „<em>Katapult</em>“ die damals schnellste Achterbahn der Welt war – und dann wieder 1981, als ihm auf dem Hamburger Volksfest „Dom“ ein Unfall passierte, der sieben Menschen das Leben kostete. Der Arm seines Krans war in ein anderes Karussell geraten und hatte dieses zerstört, und da der Kran nicht versichert war, waren die Wittes danach erst mal pleite. Doch sie kamen wieder auf die Beine und griffen auch gleich wieder nach den Sternen. Nach der Wende übernahmen sie das Areal, auf dem zu DDR-Zeiten der „<em>Plänterwald-Kulturpark</em>“ war, und wollten aus dem „<em>Spreepark</em>“ den größten Rummel im wiedervereinigten Deutschland machen. Doch nach einer Weile ging auch das in die Hose, Witte verspekulierte sich, machte Schulden – und haute 2002 mit einigen abmontierten Karussellen nach Peru ab. „<em>Flucht</em>“ hieß es dann in den Zeitungen, doch Witte sieht es nicht so. Eine Emigration sei es gewesen, man hatte in Peru schlicht neu anfangen wollen. Aber der „Luna-Park“ in Lima kam nicht recht in Schwung, man schrieb mehr rote als schwarze Zahlen, und um sich die Rückreise nach Deutschland finanzieren zu können, ließ sich Norbert Witte von der peruanischen Drogenmafia kaufen: er sollte in einem seiner Karussellmasten Koks nach Deutschland einschmuggeln. Doch er wurde gekitscht.</p>
<p>Heute ist Norbert wieder auf dem Spreeparkgelände tätig. Seit 2002 war es Brachland, jetzt will man wieder was drauf bauen. Im Film ACHTERBAHN von Peter Dörfler, der zu Ostern 2010 als DVD erscheint und in dem es um das Auf und Ab der Familie Witte zwischen Berlin und Lima geht, sieht man die verrosteten Gestelle, das stehende Riesenrad, und dazwischen Norbert, der die Achseln zuckt und sagt, daß man auch in schlechten Zeiten nicht verzagen dürfe, „<em>das liegt uns Schaustellern schon in der Wiege.</em>“ Anders als Opa Otto aber kam er nicht mit ein paar Tagen Klapse davon, sondern mit sieben Jahren Gefängnis – und schlimmer noch: sein Sohn Marcel, angeblich auch im Koksdeal verwickelt, bekam 20 Jahre aufgebrummt und sitzt immer noch. In Peru, in einem der brutalsten Knäste der Welt. Auch das sieht man in ACHTERBAHN, wenn Wittes Ex-Frau und seine Tochter nach Lima reisen, um Marcel zu besuchen. Im Unterschied zu Otto hatte Norbert bei seinen Kamikaze-Eskapaden nämlich seine Familie mit hineingezogen, und das macht ihm seine Ex-Frau zum Vorwurf.</p>
<p>Und doch: grinsen kann er immer noch. Oder schon wieder. Er könne ja schließlich nicht nur heulen, oder? Das Leben geht weiter. „<em>Und wenn Marcel rauskommt…</em>“</p>
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		<title>Otto Witte, der König von Albanien</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 07:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2812" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/01/dino_wheel.jpg" alt="" width="460" height="184" /></p>
<p><em>Seit 2002 ist das Spreepark-Areal Brachland. Früher befand sich dort ein Rummelplatz. Schon zu DDR-Zeiten und nach der Wende hatte der Schausteller Norbert Witte dort den größten Rummel im vereinigten Deutschland betreiben wollen. Größenwahn? Nein, nur Visionen. Das lag ihnen schon seit Generationen im Blut, den Wittes. Norberts Großvater schon hatte es seinerzeit bis zum König von Albanien gebracht. Die Geschichte der Schaustellersippe Witte ist eine spannende Abenteuergeschichte; sie tickten immer ein wenig anders, hatten immer ein wenig andere Träume und suchten immer etwas mehr Freiheit, fielen aber dafür auch immer etwas heftiger auf die Schnauze…</em></p>
<p>Allerdings: Die Kunst beim Auf-die-Schnauze-Fallen ist dasWiederaufstehen. Und darin bestand schon das wesentlichste Talent des Großvaters des späterenSpreepark-Impresarios: Otto Witte.</p>
<p>Berufe vererben sich. Nicht nur äußerlich, wenn der Vater dem Sohn sein Geschäft vermacht. Sondern innerlich. Ein Arztsohn muss nicht unbedingt selbst auch Arzt werden; aber häufig wird er es doch. Warum? Vielleicht weil er die Charaktereigenschaften des Vaters geerbt hat, die eben diesen dazu brachten, Arzt zu werden: Freundlichkeit etwa, Einfühlvermögen, eine ruhige Hand. Dies ist oft wichtiger als das, was der Sohn dann im Medizinstudium lernt.Beim Schausteller- Beruf kommt es noch mehr als anderswo auf die Charaktereigenschaften an, auf Zähigkeit, Risikobereitschaft, Schläue und eine robuste seelische wie körperliche Gesundheit. Denn trotz seines wolkig-diffusen Images von „Freiheit“ und „Abenteuer“ ist so ein Leben als fahrender Gaukler ein ganz schön hartes. Armut, Entbehrungen, Heimatlosigkeit gehören dazu, und wer das durchhalten will, muss mehr aufweisen als nur Träumereien. Otto Witte, Norbert Wittes Urgroßvater, wusste das. Aber er hatte es im Blut: sich durchboxen, sich durchschlagen, auf dem Rand der Klippe tanzen, runterfallen und immer wieder aufstehen. 1871 wurde er in Magdeburg geboren, und im Alter von acht Jahren lief er mit dem Zirkus Althoff davon.<em><span id="more-2776"></span></em> Und da ihn die Zirkusleute nicht, wie sonst zu der Zeit öfter üblich, wieder nach Hause schickten, blieb er dort, lernte alle möglichen Kunststücke und Sprachen und kam ganz schön in der Welt rum. Eine richtige Schule hat er nie besucht, lesen und schreiben konnte er nicht, doch zum Überleben war das auch nicht nötig. Mit zwölf machte er sich selbständig und schlug sich – teils durch Artistik, Zaubern und Handlesen, teils durch „richtige“ Arbeit (auf Schiffen), teils durch kleine Gaunereien – allein durch, und bis in seine 30er hinein trieb er sich überall auf dem Globus herum: Italien, Schweiz, Ungarn, Serbien, Abessinien, Jerusalem, mehrmals quer durch Afrika, auf der Jagd nach einer Frau bzw. auf der Flucht vor deren Gemahl kam er auch über London nach Amerika, und immer wieder trieb es ihn nach Konstantinopel, damals noch die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Irgendwann kehrte er nach Deutschland zurück, kaufte in Heimbach an der Nahe im Rheinland unter falschem Namen ein Haus, heiratete, bekam Kinder und zog mit Karussell und Menagerie mit dressierten Affen und Seehunden über die Jahrmärkte – doch so ganz solide war er im Herzen doch noch nicht. 1912 zog es ihn wieder nach Konstantinopel hinab, und der größte Coup seines Lebens, durch den er weltberühmt werden sollte, bahnte sich an.</p>
<p>Zunächst einfach in Form eines sehr lukrativen Jobs: Durch einen türkischen Freund wurde Otto Witte Spion für die türkische Armee im gerade ausgebrochenen Ersten Balkankrieg, in dem Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland gegen das Osmanische Reich zu Felde zogen. Es gelang Otto, brisante Dokumente der Gegner an sich und in die Hände seiner türkischen Auftraggeber zu bugsieren, was ihm einen Lohn von 12.000 Piastern einbrachte, wovon er 9000 – damals etwa 3000 Mark, also ein exorbitantes Sümmchen – direkt an seine Familie nach Heimbach schickte. (Trotz dieses Coups schmierte das Osmanische Reich militärtechnisch jämmerlich ab und musste mehrere verheerende Niederlagen hinnehmen.)</p>
<p>Aber dann tauchte eine neue Finte am welthistorischen Horizont auf. Das kleine Albanien, vorher unter türkischer Fuchtel, hatte in den Kriegswirren seine Unabhängigkeit erklärt und stand nun im Begriff, unter Serbien und Montenegro aufgeteilt zu werden. In Konstantinopel wurde überlegt, ob man mit den Albanern Kompromissverhandlungen führen sollte, um wenigstens sie noch hinter sich zu haben. Es wurde vorgeschlagen, ihnen einen König zu schicken, der zwar türkisch wäre, der aber die albanische Unabhängigkeit respektieren und Albanien gegen den Balkanbund verteidigen würde. Einer der Kandidaten hierfür war Prinz Halim ed-Dine, ein Neffe des Sultans.</p>
<p>Und Otto Witte, Schausteller, Zauberer, Spion, Rumtreiber und Schlitzohr, stellte fest, dass er diesem Prinzen zum Verwechseln ähnlich sah. Und bevor sich die weltgeschichtliche Lava am Balkan weiterwälzen konnte, flogen zwei Telegramme nach Albanien, in denen mitgeteilt wurde, dass Prinz Halim ed-Dine käme und die Albaner retten werde. Otto und sein türkischer Komplize besorgten sich beim Kostümverleih Uniformen, reisten den Telegrammen hinterher, und Otto wurde in Tirana huldvoll zum König von Albanien gewählt und blieb es ganze fünf Tage lang. Durch die Papiere, in die er zuvor als Spion Einsicht gehalten hatte, wusste Otto über militärische Strategien ganz gut Bescheid und konnte die Offiziere um sich herum erfolgreich bluffen. Bis der echte Halim in Konstantinopel sich meldete und man draufkam, dass man von einem Hochstapler hereingelegt worden war. Da hieß es dann natürlich Fersengeld geben für Otto, doch er kam davon – die Albaner hätten ihn vermutlich erschossen, wenn sie ihn gekitscht hätten, denn sie fanden den Streich nicht gar so witzig.</p>
<p>Andreas Izquierdo hat über diesen Coup ein brillantes Buch geschrieben: „König von Albanien“, erschienen im Rotbuchverlag Berlin. Er hat sich dabei ziemlich genau daran gehalten, wie Otto die Sache selbst in seinen Memoiren schilderte, die 1931 zunächst als Fortsetzungsroman im Öffentlichen Anzeiger von Bad Kreuznach erschienen. Aber ob wir nicht alle von Otto hereingelegt wurden, wissen wir nicht, denn nachprüfbar ist es nicht mehr, was genau damals in Albanien abging. Hat es je diese fünf Tage im Februar 1913 gegeben, in denen in Albanien ein Otto I. König war?</p>
<p>Otto beschwor es später und ließ es sich offiziell in seinen Pass eintragen. Dort stand dann fortan „Otto Witte, ehem. König von Albanien“, und niemand schien dies anzufechten. Auf dem Ruhm und dem Ruf als „größter Abenteurer der Welt“, den er durch diese Köpenickiade erworben hatte, baute er sein weiteres Leben auf.</p>
<p>Nach dem zweiten Weltkrieg lebte er in Pankow, dann in Hamburg. 1958 starb er und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.</p>
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