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	<title>Maulbeerblatt &#187; Portrait</title>
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	<description>Das Kulturmagazin für den Berliner Südosten – aus dem Hause elf62.net</description>
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		<title>Dancing in the Kietz</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jun 2011 09:25:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian Koepcke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Maulbeertipp]]></category>
		<category><![CDATA[Portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[Ruperts Kitchen Orchestra goes Köpenick Wenn man inmitten des turbulenten Großstadtverkehrs an einer vielbefahrenen Kreuzung auf eine ausgelassene Menschenmenge trifft, die in unkontrollierter Extase tanzt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, Ruperts Kitchen Orchestra in ihrer Mitte zu finden. Diese muntere Truppe zieht für gewöhnlich das Fahrrad dem Tourbus vor. Wo immer es ihnen in den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ruperts Kitchen Orchestra goes Köpenick</em></p>
<p><a rel="attachment wp-att-4234" href="http://www.maulbeerblatt.com/2011/06/dancing-in-the-kietz/dancing-3/"><img class="alignleft size-medium wp-image-4234" title="dancing in the kietz" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2011/06/dancing2-300x225.jpg" alt="dancing in the kietz" width="300" height="225" /></a>Wenn man inmitten des turbulenten Großstadtverkehrs an einer vielbefahrenen Kreuzung auf eine ausgelassene Menschenmenge trifft, die in unkontrollierter Extase tanzt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, Ruperts Kitchen Orchestra in ihrer Mitte zu finden. Diese muntere Truppe zieht für gewöhnlich das Fahrrad dem Tourbus vor. Wo immer es ihnen in den Sinn kommt, machen sie Station: vor einer Kreuzberger U-Bahn-Station, auf dem Potsdamer Platz, im Mauerpark. <span id="more-4229"></span>Nachdem Berlinale-Chef Dieter Kosslik einem dieser spontanen Straßenkonzerte beiwohnte, lud er die Musiker ebenso spontan dazu ein, sich auf dem roten Teppich vor seinem Berlinale-Palast ins Zeug zu legen. Das neue Jahr begrüßten sie mit einem furiosen Konzert auf der Insel im Plänterwald und beim Japan-Benefiz-Konzert im General Dealer (Oberschöneweide) zählten Ruperts Kitchen unlängst ebenfalls zu den musikalischen Highlights. Sänger und Saxophonist Chrispy Chris, Bassistin Conny Rösler, Gitarrist Guido Ott und Andreas Raab am Schlagzeug rocken eine derart heiße Mischung aus Funk, Soul und Hip Hop, dass es unmöglich ist dabei stillzustehen. Mit „Berlin Funk“ und „Wir woll&#8217;n keine Party!“ haben sie bereits zwei Alben mit Eigenkompositionen vollgepackt. Bekannt wie bunte Hunde, sind Ruperts Kitchen Orchester mittlerweile der offizielle Geheimtipp der Hauptstadt. Am 18. Juni werden sie ab 20 Uhr das Straßenfest im Köpenicker Kietz zum Kochen bringen.</p>
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		<title>Sportsfreund Lötzsch</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 08:28:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcel Piethe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Solist im Sattel „&#8230;der Radsport hat mein ganzes bisheriges Leben bestimmt und er wird es auch noch bis zu meinem Tod bestimmen. Der Radsport hat mir sehr viel gegeben: Härte, Durchsetzungskraft und Willensstärke.“ Am Fockeberg in Leipzig, jener Stadt, wo vor nunmehr 20 Jahren das Ende des Staates DDR einmarschiert wurde, vernimmt dies mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2532" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2009/11/sportsfreund.jpg" alt="" width="460" height="379" /></p>
<p><em><strong>Der Solist im Sattel</strong></em></p>
<p><em>„&#8230;der Radsport hat mein ganzes bisheriges Leben bestimmt und er wird es auch noch bis zu meinem Tod bestimmen. Der Radsport hat mir sehr viel gegeben: Härte, Durchsetzungskraft und Willensstärke</em><em>.“</em> Am Fockeberg in Leipzig, jener Stadt, wo vor nunmehr 20 Jahren das Ende des Staates DDR einmarschiert wurde, vernimmt dies mit mehr oder minder großem Interesse eine Anzahl junger Menschen, etwas unruhig dabei scharrend in ihren bunten Sweatshirts, behelmt und mit hier und da futuristisch anmutendem Pedaluntersatz. Man will endlich starten. Doch halt. Es geht weiter:<span id="more-2476"></span><br />
<em>„Trotz Diskriminierung durch die DDRSportführung habe ich niemals aufgegeben. Ich freue mich, Schirmherr des Fockebergzeitfahrens zu sein. Ich wünsche allen Fahrern viel Spaß beim Kampf mit dem Rad gegen den Fockeberg</em><em>.“</em> So soll es sein.</p>
<p>Der dies verlautbaren lässt, könnte der Opa vieler sein, die hier stehen und viele haben nicht einmal ansatzweise eine Ahnung, wovon der Mann spricht. Aber eines wissen hier die meisten – und das unterscheidet sie wahrscheinlich vom Großteil der Allgemeinheit dann doch: Wolfgang Lötzsch, der dies sagt, hätte heute einer sein können, den man mit Beckenbauer, Becker, Graf und Witt einen Mega-Star des deutschen Sportes nennt. Ja, im Kreise der selbsternannten und selbst der wirklichen Experten ist man sich einig: Jan Ullrich war ein Jahrhunderttalent, Wolfgang Lötzsch vielleicht das größere. Dem einen verhalf nicht zuletzt der rechte Zeitpunkt seiner Geburt zur Ehre, als erster deutscher Sieger des legendärsten Radrennens der Welt, der Tour de France, in die Annalen einzugehen. Dem Anderen, dem Wolfgang Lötzsch, blieb dieses im Leben verwehrt – und nicht nur dies.</p>
<p>Aber von vorne. Im Dezember 1952 wird Wolfgang in der sächsischen Industriestadt Chemnitz geboren. Ein gutes halbes Jahr später trägt der Ort den die neue Zeit bezeichnendsten Namen: Karl- Marx-Stadt. Hier und andernorts in der jungen Republik, soll der neue Mensch geschaffen werden. Dabei steht auch bald der Sport an zentraler Stelle. Und so nimmt es nicht wunder, dass durch die mit den Jahren zunehmenden Möglichkeiten der sportlichen Betätigung viele Jungendliche den Weg in die zahlreichen Vereine und „Betriebssportgemeinschaften“ finden. Einer unter ihnen ist Wolfgang Lötzsch – und der ist ein Phänomen. Groß und etwas schlaksig kommt er der Junge daher, der sechsjährig erstmals auf einem Fahrrad sitzt. In ihm steckt eine schier unbändige Kraft und: ein einzigartiger Wille. Diese – für aufstrebende Sportler – unerlässlichen Eigenschaften führen ihn zu Siegen und so widersinnig das klingen mag: in die Katastrophe seines Lebens. Am Anfang steht aber der Erfolg, und der wird für die ersten Jahre sein steter Begleiter. Gewann Wolfgang Lötzsch eines seiner ersten Fahrradrennen noch auf einem alten Damenrad, so wurde schon bald vieles an seiner Leidenschaft organisierter. Auf der Kinder- und Jugendsportschule, die nur ausgewählte Kinder mit besonderen sportlichen Talenten besuchen durften, richtet man den Nachwuchs programmatisch zum Erfolg ab. Wolfgang fällt das eine, das Erfolgreichsein, nicht schwer.</p>
<p>Er siegt und siegt und ist 1972 beinahe zwangsläufig vorgesehen für den Kader der DDRMannschaft, der nach München zu den Olympischen Spielen reisen soll. Und hier beginnt das Problem. Der Staat DDR ließ nämlich keine Sportler reisen – und vor allem nicht in das „<em>nichtsozialistische Ausland</em>“, zumal in die Bundesrepublik Deutschland, den westlichen deutschen Staat – die nicht zuverlässig im Sinne der Machthaber waren. Und das konnte Wolfgang nicht sein (so unterstellte man ihm). Denn der Junge war renitent, trat nicht wie viele „<em>Leistungskader</em>“ der Staatspartei SED bei, äußerte unbequeme Ansichten in aller Öffentlichkeit und hatte obendrein einen Cousin, der – ebenfalls Radrennfahrer – 1962 den Weg zum „<em>Klassenfeind</em>“ genommen hatte. Kurzerhand teilte man Lötzsch mit, nicht nur nicht nach München reisen zu dürfen, sondern gleich gänzlich aus dem Leistungssport der DDR entfernt zu werden. Damit verlor er nicht nur seine Mannschaft und die Berechtigung, an sportlich wichtigen Rennen teilzunehmen. Auch Ausrüstung, die es nicht einfach zu kaufen gab, die vielmehr staatlich zugeteilt wurde, sowie die notwendige sportmedizinische Betreuung entfielen. Normalerweise sollte dies das Ende des Sportlers Wolfgang Lötzsch gewesen sein. Mitnichten! Und hier beginnt nun die Legende: Der Paria siegt nämlich nahezu und buchstäblich im Alleingang weiter und weiter und weiter. Jetzt meist nur bei Betriebssportrennen. Aber wo es offene Rennen gibt, bezwingt er auch die geförderte Leistungselite. Seine Spezialität sind Alleinritte sondergleichen, die ihm bereits in jungen Jahren einen Anflug von mythischem Glanz in der Szene geben.</p>
<p>Lötzsch gewinnt nicht nur rund 30 mal die DDRBestenermittlung der Betriebssportler, er wird auf der Bahn DDR-Meister in der 4000m-Einzelverfolgung, gewinnt die Radklassiker „<em>Rund um Berlin</em>“ und das längste Eintagesamateurrennen Prag-Karlsbad-Prag und vieles mehr. Ihn, der mit jedem seiner Siege dem Staatssport eine schallende Ohrfeige gibt, im wahrsten Sinn des Wortes zu stoppen, tritt das Ministerium für Staatssicherheit, die Stasi, auf den Plan. Ganze fünfzig Mitarbeiter (sic!) setzt das Mielke-Imperium auf den einen Mann an, provoziert Reaktionen, die ihn seine bürgerliche, seine sportliche Existenz kosten sollen. Und so geschieht das Unvermeidliche: Ein Polterabend, es ist etwas lauter, die Polizei erscheint und Lötzsch ist natürlich der zu maßregelnde Rowdy. Das lässt dieser sich nicht gefallen und zieht verbal gegen Ordnungsmacht und Staat ins Feld. Sein Kampfeszug um Gerechtigkeit endet für ihn im Stasi-Knast. Zehn Monate sitzt er ein. Aber seine Liebe zum Radsport kann nicht gebrochen werden. In seiner Zelle trainiert er täglich mit unzähligen Kniebeugen und Liegestützen und man gewährt ihm – ein Angebot? – einen Fahrradergometer.</p>
<p>Kaum aus der Haft entlassen, bolzt er wieder Kilometer um Kilometer auf den Landstraßen. Es ist diese Besessenheit, die nur kennt, wer diesen Sport selbst so liebt, diese Sucht nach Qual und Erlösung, nach Weite und Einsamkeit, dieser Rausch der selbstgeschaffenen Geschwindigkeit, die ihn weiter Rennen fahren und: siegen lässt. Eigentlich im Radsport unvorstellbar, gewinnt er als Betriebssportler hinter den internationalen Größen Uwe Ampler und Olaf Ludwig die Bronzemedaille bei den DDR-Meisterschaften, wozu man sagen muß, dass der DDR-Radsport in diesen Jahren im Allgemeinen und die beiden genannten Herren im Besonderen zur absoluten Weltelite zählten.</p>
<p>Das Jahr 1989, die friedliche Revolution, die so maßgeblich von seiner sächsischen Heimat ausging und all die Möglichkeiten, die nun für Sportler aus dem Osten des Landes offen standen, kamen für den damals Enddreißiger zu spät. Der Ruhm, als erster Deutscher den wahren Olymp des Radsports zu erklimmen, die „<em>Tour der Leiden</em>“, die Tour de France, zu gewinnen, blieb einem anderen vorbehalten.</p>
<p>In der Fahrerszene spricht man bisweilen heute noch von dem Jahrhunderttalent Wolfgang Lötzsch. Darüber hinaus kennen nur wenige seinen Namen, auch wenn zuletzt ein Kinofilm mit dem etwas süffisanten Titel „<em>Sportsfreund Lötzsch</em>“ und eine Biographie in Buchform die Öffentlichkeit erreichten. Für ihn ist das alles nicht ohne eine gewisse Bitterkeit zu ertragen, auch wenn er in den seltenen Interviews eher wortkarg diesem Eingeständnis aus dem Weg geht. Lötzsch war nie ein politischer Mensch. Er wollte Sportler sein und wurde als Mensch abgestraft in den Irrsinnigkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Mechaniker bei einem ehemals aufsehenderregend erfolgreichen deutschen Profirennstall in wasserfarben montierte er Räder, wusch und fettete sie, schraubte und justierte für die Herren Profis. Auf die Frage eines Journalisten, wer sich um ihn kümmere, zögert er kurz und sagt: „<em>Ich bin&#8230; Solist.</em>“</p>
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		<title>Nostalgie und mehr als Tanz</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Oct 2009 08:19:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Elias Matt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[Von einem Gespräch mit Janusz de Woyciechowski Ein hagerer älterer Herr mit fast schulterlangem grauen Haar sitzt im Dunkel. Fast nackt. Von Kopf bis Fuß mit weißer Farbe überdeckt. An die Wand projiziert ein Film mit einer klassischen Tanzsequenz, zeigt ihn, vor Jahrzehnten, drahtig, durchtrainiert, als erfolgreichsten Solotänzer seines Heimatlandes Polen. Die Tanzperformance des 67-Jährigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2400" title="Janusz" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2009/09/Janusz.jpg" alt="Janusz" width="460" height="296" /></p>
<p><em><strong>Von einem Gespräch mit Janusz de Woyciechowski</strong></em></p>
<p>Ein hagerer älterer Herr mit fast schulterlangem grauen Haar sitzt im Dunkel. Fast nackt. Von Kopf bis Fuß mit weißer Farbe überdeckt. An die Wand projiziert ein Film mit einer klassischen Tanzsequenz, zeigt ihn, vor Jahrzehnten, drahtig, durchtrainiert, als erfolgreichsten Solotänzer seines Heimatlandes Polen. Die Tanzperformance des 67-Jährigen heißt „Nostalgia“ und ist ein leidenschaftlich melancholisches Spiel mit dem Abbild seines Lebens …<span id="more-2380"></span>Ich sitze mit Janusz im Kranhauscafé in Oberschöneweide. Ganz in der Nähe lebt er jetzt. Es ist ein Stück persönliche Geschichte. Ich kenne Janusz seit über zwei Jahren. Das Gespräch mit ihm ist mehr als ein Interview. Und dieses Gespräch wird den Rahmen eines Artikels sprengen. Das ahnte ich. Nun weiß ich es.</p>

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<p><br clear="all"></p>
<p>„<em>Nostalgie ist eine Konfrontation mit mir selbst</em>“, sagt er mir. „<em>Es ist ein geistiges Zwiegespräch.</em>“ Im Alter von 14 Jahren im Jahr 1956 verließ er sein Elternhaus in Katowice um Tänzer, Musiker, Schauspieler zu werden. „<em>Wenn ich zu Hause geblieben wäre, wäre ich kein Künstler geworden. Wahrscheinlich wäre ich erdrückt worden. Ich bin weg. Gott sei Dank!</em>“ Janusz erzählt, wie ihn sein Vater angehalten hatte, möglichst bald Geld zu verdienen, als Handwerker oder ähnliches. Ein oft erzähltes Künstlertrauma.</p>
<p>„<em>Ich war ein kleines Kind, 12 oder 13 Jahre alt. Da bin ich immer zum Bauernhof meiner Großeltern in die Ferien gekommen. Da habe ich mich hingelegt ins Gras. Bäume um mich. Und ich habe Wolken beobachtet. Ich habe geweint. Ich habe Musik gehört. Und als ich zu meinen Eltern gekommen bin und zu meinen Geschwistern, habe ich erzählt, dass ich so was erlebt habe. Die haben mich einfach für verrückt erklärt. In meiner Familie war kein künstlerischer Geist. Und dann habe ich gesagt: Ich liebe Euch alle, aber ich muss weg.</em>“</p>
<p>Staatliche Ballettschule in Gdansk. Studium. Klassischer Tanz und Musik. Diplom mit Auszeichnung. Aufbaustudium in Leningrad. Ein Ausnahmetänzer, der sich nicht mehr durch die Hierarchie des klassischen Balletts tanzen musste. Erster Solotänzer auf großer Ballettbühne. Ein Status, den er bis zum Ende seiner Karriere als Berufstänzer nicht mehr verlor. „<em>Ich hatte das Glück, Leute um mich zu haben, die in mir das Potential gesehen haben. Dann kam eine Rolle nach der anderen. Ein Film nach dem anderen. Es war eine Kettenreaktion. Ich habe viel Glück gehabt.</em>“</p>
<p>Eine glatte Karriere. Aber keine kantenlose Persönlichkeit. Ein Mann, ein Künstler mit seinen Schwächen neben der exzellenten Karriere. Wir rauchen, trinken Kaffee.</p>
<p>„<em>Ich habe gelebt</em>“, fasst er mit einem verschmitzten Lächeln und einem listigen Blick aus seinen lebendigen Augen zusammen, als wir darauf kommen, dass er wegen einer Liebesgeschichte einmal von einer Schule flog. Aber er breitet solche Geschichten nicht aus. Meistens geht es ihm um Kunst. Er gehörte zu den polnischen Pionieren des Tanztheaters, erklärt er mir nüchtern. Arbeit in Westeuropa gehörte dazu und künstlerische Entfaltung in seinem Sinne.</p>
<p>„<em>Ich habe die Möglichkeit gehabt, im Kommunismus gut zu leben. Man durfte nicht viel, wegen der Zensur. Uns war das egal. Weil wir kein politisches Theater gemacht haben. Es ging mehr um ästhetische Dinge.</em>“</p>
<p>Er spricht von Ästhetik. Und ich erinnere mich an ein preisgekröntes Tanzfilmdokument aus der Karriere des Janusz de Woyciechowski. Wann spricht man unbefangen von einem „<em>schönen</em>“ Mann? Janusz war es. Als er wie ein Traumbild in der Sahara tanzte. Als wäre er tatsächlich eine Sagenfigur. Und ich schaue um so genauer auf den nun 67-Jährigen Mann und auf die Zeit.</p>
<p>„<em>Wenn du in der Ballettschule bist, bist du auch eitel. Im Spiegel lernst du Schönheit mit dem Körper darzustellen. Perfektion. Das ist Ballett. Das ist Tanz. Das heißt, du wirst erzogen zum eitlen Menschen. Ich kann nicht sagen, ich bin nicht eitel. Von der Eitelkeit habe ich mich befreit, als ich aufgehört habe zu tanzen. Aber ich bin froh darüber, dass es so gekommen ist.</em>“</p>
<p>Seine weiteren Lebensstationen rücken in den Hintergrund des Gesprächs. Choreograf, Regisseur, der Weg nach Deutschland. Wir sprechen über das Künstlersein, Melancholie und über das Alleinsein bei allem, was das Leben hergegeben hat bis ins fortschreitende Alter.</p>
<p>„<em>Viele Menschen haben Angst vor dem Alleinsein, vor Melancholie. Kreative Menschen oder Künstler haben davor keine Angst. Sie brauchen kein Mitleid. Ich weiß, wenn ich jetzt älter werde, kommen Beschwerden. Die können psychisch sein. Die können physisch sein. Ich möchte mein Leben und die Zeit, die mir bleibt, genießen mit meiner Nostalgie und meiner Melancholie. Und ich möchte glauben, dass noch etwas kommt, was mich überrascht.</em>“</p>
<p>Wenige Tage nach unserem Gespräch bin ich in Polen, fahre auf Gdansk zu. Ein Zufall. Ich denke an Janusz und an unser Gespräch und unsere gemeinsame Geschichte.</p>
<p>„<em>Ich glaube, dass Du daraus eine wahre Geschichte machst</em>“, sagte er am Ende. Eine wahre Geschichte von Janusz de Woyciechowski. Wie wahr ist eine Geschichte, wenn sie nur einen Bruchteil der Wahrheit und einer Geschichte wiedergeben kann? Ich habe es versucht. Ein Fragment. Und zumindest weiß nun mancher, dass Janusz unweit von uns lebt. Und vielleicht sieht man ihn irgendwo auf einem Klavier spielen.</p>
<p>Oder allein, lächelnd, zufrieden mit sich und seiner Nostalgie.</p>
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		<title>We will dance</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Aug 2008 17:18:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ines Kohlmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal wäre es den Kids von Lil`Bouncers an so einem heißen Sommertag auch lieber, an den Strand hinunter zu gehen. Nach der Schule ein bisschen abhängen, die Wellen kommen lassen und bloß nicht bewegen. Aber sie sind hier im Bölscheclub, Kids im Alter von neun bis 16 Jahren. Sie wollen tanzen nach der Musik von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd1.jpg" rel="lightbox[534]"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-548 alignleft" style="float: left;" title="wwd1" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd1-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Manchmal wäre es den Kids von Lil`Bouncers an so einem heißen Sommertag auch lieber, an den Strand hinunter zu gehen. Nach der Schule ein bisschen abhängen, die Wellen kommen lassen und bloß nicht bewegen. Aber sie sind hier im Bölscheclub, Kids im Alter von neun bis 16 Jahren. Sie wollen tanzen nach der Musik von RNB oder auch Black. Nur Sophie fehlt heute. Hausarrest, so etwas gibt es noch.<br />
Die Tänzer nehmen Aufstellung in einem sehr kleinen Raum. Er ist vielleicht sechs mal sechs Meter groß und eine Seite davon liegt auch noch voll mit Matten und Kram. Eigentlich hingen auch mal richtige Spiegel an der Wand, wie im Nebengebäude, in dem Tanzraum für die größeren Kids. Aber seitdem hier drinnen auch noch Fußball gespielt wird, vor allem im Winter, hängt dort stattdessen nur noch eine Spiegelfolie. Die Bewegungen scheinen sich darin aufzulösen, verschwimmen, als ob sich die Tänzer verwandeln. Plötzlich wird<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd3.jpg" rel="lightbox[534]"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-553 alignleft" style="float: left;" title="wwd3" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd3-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a> aus der kleinen übermütigen Mercedes ein cooler Straßengangster, der sich gleich mit seinem Gegenüber, der liebreizend aussehenden Ira, in eine Schlägerei verwickeln wird. Abrupt endet der Tanz, die Musik bricht ab. Samira schüttelt den Kopf  „Ihr könnt hier nicht so lasch machen, wenn ihr so tut, als ob ihr euch schlagt. Das kommt nicht so cool.“<span id="more-534"></span><br />
Samira Liebscher ist gerade mal 20 Jahre alt. Sie bringt den Kids im Bölscheclub Streetdance bei und ein bisschen Hip Hop. Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt sie selbst. Anfangs, im FEZ, war es Ballett, später kam Moderndance und Jazzdance hinzu. Im Bölscheclub dann Streetdance und Hip Hop. Mit 16 fragte man sie, ob sie den Tanzkurs für die Kleinen, die Neun- bis Zwölfjährigen übernehmen wolle, als Tanzlehrerin. Wenig später übernahm sie zusätzlich auch die <a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd5.jpg" rel="lightbox[534]"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-551 alignleft" style="float: left;" title="wwd5" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd5-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Großen, die 13- bis 16-Jährigen. Für die Kids sind die Kurse kostenlos. Eigentlich sind es fast ausschließlich Mädchen, die kommen. Allzu fremd scheint es immer noch, dass ein Junge tanzen will. Doch vor zwei Jahren hat auch Dennis Streetdance ausprobiert und ist geblieben.<br />
Die Musik beginnt wieder von vorn und endet bereits nach wenigen Takten. „Mädels, übertreibt mal ein bisschen, ihr müsst locker sein. Und auch ein wenig schauspielern, sonst nimmt euch das hier keiner ab.“ Im vergangenen November haben die Lil`Bouncers beim Dance Festival in der Arena den 1. und den 3. Platz  von insgesamt 27 Tanzgruppen belegt. Samira ist bei allem der kreative Kopf. Ihre eigenen Choreographien für die Tanzstücke entstehen oft erst bei den Proben, entwickeln sich spontan aus der jeweiligen Situation heraus. Lil`Bouncers haben Auftritte beim Köpenicker Sommer und beim Kietzer Straßenfest. Nur auf dem Bölschefest reicht die Bühnenkapazität nie aus. Die Plätze dort sind immer längst schon vergeben.<br />
<a href="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd6.jpg" rel="lightbox[534]"><img class="alignnone size-thumbnail wp-image-550 alignleft" style="float: left;" title="wwd6" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2008/08/wwd6-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a> Eine kurze Trinkpause zwischendurch ist gut. Etwas stickig ist es heute in diesem Raum. Doch dann geht es auch schon weiter.  Und auch wieder nicht. „Ihr müsst euch konzentrieren. Konzentration ist die größte Sache beim Tanzen. Und der Oberkörper bleibt am Schluss schön oben, nicht wie sone Oma …“ Die Kids lernen hier, bewusst mit ihrem Körper umzugehen, ihn wahrzunehmen und auch den der anderen. Das Gefühl für Rhythmus und Takt wird geschult und nicht zuletzt das Selbstbewusstsein gestärkt.</p>
<p>Ab Oktober dieses Jahres fängt Samira ihr Studium an, Grundschulpädagogik. Die Kurse im Bölscheclub wird sie erstmal nebenher weiterführen. Alles andere wird sich zeigen und entwickeln, aus der jeweiligen Situation heraus. Eben wie beim Streetdance auch.</p>
<p><em>Jugendfreizeiteinrichtung Bölscheclub<br />
Bölschestraße 65, 12587 Berlin &#8211; Friedrichshagen<br />
Ansprechpartner: Thomas Gottschlich, Simone Witt<br />
T.  (030) 645 88 20, <a href="http://www.boelscheclub.de">www.boelscheclub.de</a></em></p>
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		<title>Die Klage des Bandoneons</title>
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		<pubDate>Thu, 14 Aug 2008 17:53:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tatjana Rabe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portrait]]></category>

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		<description><![CDATA[Statt ihm einen gewöhnlichen Kosenamen zu verpassen, nennt seine Frau ihn andächtig „Maestro“. Und tatsächlich ist Lothar Hensel ein Meister auf seinem Instrument &#8211; dem Bandoneon. Als der Musikalienhändler Heinrich Band aus Krefeld 1846 ein Instrument entwickelte, das er „Bandonion“ nannte, konnte er nicht ahnen, welchen Erfolg er damit haben sollte. Verwandt mit der Konzertina [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/293259f6ec3a4330ad0b4132a971c895" width="1" height="1" alt=""/><em>Statt ihm einen gewöhnlichen Kosenamen zu verpassen, nennt seine Frau ihn andächtig „Maestro“. Und tatsächlich ist Lothar Hensel ein Meister auf seinem Instrument &#8211; dem Bandoneon.</em></p>
<p>Als der Musikalienhändler Heinrich Band aus Krefeld 1846 ein Instrument entwickelte, das er „Bandonion“ nannte, konnte er nicht ahnen, welchen Erfolg er damit haben sollte. Verwandt mit der Konzertina und der Harmonika, von seiner Größe her praktisch und finanziell erschwinglich, war das vieltönige Bandonion trotzdem nicht leicht zu erlernen. In Bandonion- und Concertinavereinen übten Musikbegeisterte gemeinsam und spielten oft ohne Notenkenntnisse nach speziell entwickelten Zahlensystemen. In den goldenen Zwanzigern feierten deutsche Bandonionorchester ihre Blütezeit. Dies war auch der Moment, in dem das Arbeiterinstrument seinen Siegeszug nach Südamerika antrat. Vor allem in der argentinischen Metropole Buenos Aires begann es seine zweite Karriere als „Bandoneón“ – Symbol des Tangos.<br />
Ebenso wie sein Bandoneon, stammt auch Lothar Hensel ursprünglich vom Niederrhein. Sein Studium der Schulmusik verschlug ihn nach Berlin. Als „Tangofan“, wie er sich selbst bezeichnet, verdiente er sich mit einem Freund ein kleines Zubrot mit Straßenmusik auf Klarinette und Akkordeon. Aber es klang noch nicht perfekt nach Tango und so kauften sie sich damals über die „Zweite Hand“ gebrauchte Bandoneons.<span id="more-536"></span><br />
Ende der Achtziger, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur, ging Lothar Hensel für ein Jahr nach Argentinien, um sich dort einen Lehrer zu suchen. „Ich wollte ja nicht nur Bandoneonspielen lernen. Ich wollte Tango spielen lernen.“ Musik findet für den „Maestro“ zwischen den Noten statt: „Ich vergleiche das mit einem Japaner, der Deutsch gelernt hat und ein romantisches Gedicht rezitieren soll. Der kann das sicher wortwörtlich tun, aber er versteht es irgendwie nicht. Wegen der ganzen Bilder und der Betonung.“<br />
Sein Weg führte ihn anschließend nach Paris. Ausschlaggebend dafür war sein großes Vorbild, der argentinische Tango-Solist Juan José Mosalini. Zwei Jahre lang nahm er die Strapaze auf sich, vierzehntägig mit dem Bus nach Paris zu fahren, um für wenige Stunden von Mosalini zu lernen. „Damals gab es einfach keinen Lehrer in Deutschland. Du musstest nach Paris oder Argentinien gehen.“<br />
Heute lebt Lothar Hensel in Friedrichshagen und ist in vielerlei Hinsicht erfolgreich. Zum einen tritt er mit seinem Quartett „tango fusión“, das aus Bandoneon, Geige, Cello und Kontrabass besteht, auf. Zum anderen ist er mit seinem Tangoorchester „Septísimo Tango“ viel unterwegs. Zusätzlich arbeitet er an seiner Karriere als Solist. Im vorigen Jahr war er mit seinem Programm „Die Klage des Bandoneon“ in Kapstadt, auf einer Kreuzfahrt im Ostseeraum und in Mexiko zu erleben. Außerdem ist er mit nahezu allen großen Sinfonieorchestern in Deutschland aufgetreten.</p>
<p><em>Mehr Informationen unter <a href="http://www.lothar-hensel.de ">www.lothar-hensel.de </a><br />
Livemitschnitte auf <a href="http://www.youtube/septisimotango">www.youtube/septisimotango</a></em></p>
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