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	<title>Maulbeerblatt &#187; Ni Gudix</title>
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	<description>Das Kulturmagazin für den Berliner Südosten – aus dem Hause elf62.net</description>
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		<title>Baby’s In Black</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Oct 2010 05:34:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Galerie]]></category>
		<category><![CDATA[Maulbeertipp]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Geschichte von Astrid Kirchherr und  Stuart Sutcliffe“ von Arne Bellstorf Es gab einmal eine Zeit, da waren die Beatles noch zu fünft, und Paul McCartney stand quasi nur zur Zierde auf der Bühne – sein E-Bass war nicht eingestöpselt, weil Stuart Sutcliffe offiziell den Bass spielte. Das war 1960 in Hamburg. Stu war John [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3490" title="lennon" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/10/lennon.jpg" alt="lennon" width="460" height="211" /></p>
<p><em>Die Geschichte von Astrid Kirchherr und  Stuart Sutcliffe“ von <a href="http://www.bellstorf.com/">Arne Bellstorf</a></em></p>
<p>Es gab einmal eine Zeit, da waren die Beatles noch zu fünft, und Paul McCartney stand quasi nur zur Zierde auf der Bühne – sein E-Bass war nicht eingestöpselt, weil Stuart Sutcliffe offiziell den Bass spielte. Das war 1960 in Hamburg. Stu war John Lennons Kumpel aus der Kunsthochschule, und John drohte, wenn Stu ginge, dann ginge er auch.</p>
<p>Bekanntlich einigte man sich dann aber doch anders, denn Stu wollte erstens lieber Maler sein als Musiker, ihm machte der Rock’n’Roll nicht so viel Spaß wie John, und er trat seinen Platz daher freiwillig an Paul ab. Und zweitens hatte er sich in die Fotografin Astrid Kirchherr verliebt. Er wollte bei ihr in Hamburg bleiben.</p>
<p>Nicht einmal zwei Jahre später, noch bevor die Beatles in den Olymp geschossen wurden, endete diese Liebesgeschichte jäh und brutal mit Stuarts plötzlichem Tod.</p>
<p><span id="more-3489"></span></p>
<p>Arne Bellstorf hat diese kaum zwei Jahre nun in Comicform zu Papier gebracht: „Baby’s in black“ heißt der Band, der Mitte Oktober beim Reprodukt-Verlag erscheint. Bellstorf, Jahrgang 1979, zeichnet u. a. Strips für den „Tagesspiegel“, und seine Figürchen wirken ein bisschen wie japanische Zeichentrickmännchen – Astrid und Stu erinnern einen in der konformen Niedlichkeit an Heidi und Peter, aber das soll einen nicht von der akribischen und minutiösen Genauigkeit der Bildchen ablenken. Man merkt, dass Bellstorf lange und gründlich recherchiert hat; dies dokumentiert auch sein Blog www.babysinblack.bellstorf.com. Der Titel „Baby’s in black“ ist dabei nicht nur ein Beatles-Zitat, ausgewählt, um auf der 2010 grassierenden Beatles-Welle mitzusurfen, sondern hat Programm, denn die schwarze Kleidung war der Ausdruck der Rebellion der jungen Hamburger Künstlerszene Ende der 50er Jahre. Dazu kam der metrosexuelle Pilzkopf, den Astrid trug und der bald zum Markenzeichen der Beatles werden sollte. Die „Teddy Boys“ aus England – Lennon und Co. liefen damals noch als Rocker herum, mit Lederjacke und Haartolle – stießen hier mit den „Exis“, den Existentialisten, aus Hamburg zusammen. Rock’n’Roll war eigentlich nicht so sehr „die“ Musik der Exis, deshalb war Astrid zunächst skeptisch, als Klaus Voormann sie in den „Kaiserkeller“ lud, um sich diese wilden englischen Jungs anzuhören, doch sie kam mit – der Rest ist Geschichte.</p>
<p>Stuart Sutcliffe war noch nicht 22, als er im April 1962 starb, und Astrid Kirchherrs Fotos der Beatles in Hamburg sind mehr als „nur“ Dokumente der Zeit vor der Beatlemania. Schon deshalb ist es großartig, die Geschichte dieses Pärchens einmal wieder unter die Lupe zu nehmen.</p>
<p><em><strong>Babys in Black</strong> erscheint im Oktober 2010 bei <a href="http://www.reprodukt.com/">Reprodukt</a>, 216 Seiten, schwarz/weiß 23 x 16 cm, Klappbroschur, 20€. Das Maulbeerblatt verlost zwei Exemplare an die ersten Kommentatoren auf diesen Beitrag. (Extrapunkte erhalten die, die die korrekte inhaltliche Beziehung zum Cover der aktuellen Maulbeerblattausgabe herzustellen vermögen.</em>)</p>
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		<title>Die MS Völkerfreundschaft</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 16:43:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zeitreisen]]></category>
		<category><![CDATA[MS Völkerfreundschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Luxus und Sommer – was einem bei diesen zwei Begriffen als drittes einfällt, ist: Schiff. Kreuzfahrtschiff. Luxus, Sonne, glitzerndes Wasser, Oberdeck. „Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen“ wird mit mir an Bord auf Kreuzfahrt gehen … na gut, nicht ganz. Ganz so alt, dass es das Schiff der Seeräuberjenny aus Brechts [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3303" title="völkerfr_02" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/06/völkerfr_02.jpg" alt="völkerfr_02" width="460" height="258" /></p>
<p>Luxus und Sommer – was einem bei diesen zwei Begriffen als drittes einfällt, ist: Schiff. Kreuzfahrtschiff. Luxus, Sonne, glitzerndes Wasser, Oberdeck. „Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen“ wird mit mir an Bord auf Kreuzfahrt gehen … na gut, nicht ganz. Ganz so alt, dass es das Schiff der Seeräuberjenny aus Brechts „Dreigroschenoper“ hätte sein können, ist die „MS Völkerfreundschaft“ nicht, zugegeben. Aber dennoch ist sie das älteste Transatlantikschiff der Welt. Und lange Zeit war sie das Vorzeigeprojekt der DDR. Auch wenn sie keine fünfzig Kanonen hatte, auch nicht, als sie die „Andrea Doria“ rammte … aber alles der Reihe nach.</p>
<p><span id="more-3301"></span></p>
<p><strong>1. Der Anfang als „Stockholm“</strong></p>
<p>1946, also vor über 60 Jahren, wurde das Schiff in der Göteborger Werft Götnverken als Passagier- und Frachtschiff gebaut und auf den Namen „Stockholm“ getauft. Ihre Jungfernfahrt hatte die „Stockholm“ am 21. Februar 1948: Da schipperte sie von Göteborg nach New York und kam, anders als die „Titanic“ 36 Jahre zuvor, auch dort an. In den folgenden Jahren wurde sie einmal umgebaut und fuhr ansonsten problemfrei die Transatlantikroute, bis es in der Nacht vom 25. Juli 1956 zu einem Unglück kam.</p>
<p>Die „Stockholm“, gerade aus New York kommend, kollidierte im Nebel – nein, nicht mit einem Eisberg, sondern mit dem italienischen Luxusliner „Andrea Doria“. Die „Andrea Doria“ sank, die „Stockholm“ konnte zwar lädiert, aber noch seetüchtig nach New York zurückkehren – allerdings im Krebsgang, also rückwärts, da der Bug bei der Kollision beschädigt worden war. Insgesamt starben bei dem Unglück 51 Menschen, was nicht einmal drei Prozent der Besatzung der „Andrea Doria“ ausmachte. In New York bekam die „Stockholm“ einen neuen Bug und wenig später dann auch einen neuen Besitzer und einen neuen Namen.</p>
<p><strong>2. Die Karriere als „Völkerfreundschaft“</strong></p>
<p>Am 3. Januar 1960 kaufte die DDR das Schiff, benannte es in „MS Völkerfreundschaft“ um und machte das erste wirklich internationale DDR-Kreuzfahrtschiff draus. Wer in den VEB fleißig gewesen war, dem wurde als Auszeichnung für seine Leistungen eine Kreuzfahrt auf der „Völkerfreundschaft“ spendiert. Da kamen sie dann raus aus der piefigen Ostzone, die DDRler, da durften sie dann die große weite Welt sehen – und die große weite Welt durfte auch das Schiff sehen. Denn die „MS Völkerfreundschaft“ war natürlich nicht nur als schöner Luxus für die eigenen Arbeiter gedacht, sondern auch als Vorzeige- und Propagandaschiff: Es sollte den Sozialismus nach außen präsentieren, das narzisstische Ego der DDR streicheln helfen, der Welt einen scheinbar hohen Lebensstandard vorgaukeln. Dies klappte zunächst ganz gut – „den Sozialismus der ‚Völkerfreundschaft’ wollte jeder haben“, wie sich eine Dokumentation erinnert –, doch nach dem Mauerbau 1961 passierte es immer häufiger, dass Passagiere zwar mit der „Völkerfreundschaft“ ausliefen, aber nicht wieder zurückkamen – sie waren im freien Ausland einfach abgesprungen und nicht mehr an Bord zurückgegangen. Hatten die Kreuzfahrt zum Abhauen genutzt.<br />
Was will man da machen, wenn die Republikflucht in fremden Häfen stattfindet, in denen man doch eigentlich mit seinem schicken Schiff protzen wollte? Soll man Vopos mitnehmen und die in Spanien oder Portugal den Flüchtlingen hinterherschicken? Peinlich, peinlich. „Die ‚Völkerfreundschaft’ versinnbildlichte eine Art Nachbildung vom Traum der DDR im Kleinen: Sie war eine Insel, von der nicht wirklich zu entkommen war.“ Nur dass das so war, durfte keiner merken. Ein ehemaliger Steward erinnert sich, dass man an den internationalen Häfen alle Schiffe von innen besichtigen durfte – nur die „Völkerfreundschaft“ nicht. Wenn die irgendwo vor Anker lag, dann durfte ein Besucher nur rein, wenn ihn ein Mitglied der Besatzung begleitete. Das Risiko, dass die Besucher merkten, dass der Luxus nur Fake war, war der „Völkerfreundschaft“ zu groß. Die Leichen im eigenen Keller wollte man dann doch nicht so öffentlich zeigen, und da das Deckmäntelchen des schönen, freien, weltoffenen Scheins durch die Flüchtlinge zu reißen drohte, begann die „Völkerfreundschaft“, sich auf die sozialistischen Gewässer zu beschränken, schipperte zwischen Murmansk und Kuba herum statt wie vorher in der Adria und dem Mittelmeer und machte zunehmend auf Seniorenausflugsdampfer – Senioren meutern weniger und gefährden somit das mühsam fabrizierte Image nicht so sehr.</p>
<p><strong>3. Die Menopause als „Volker“ und „Fridtjof Nansen“</strong></p>
<p>1985 wurde die „Völkerfreundschaft“ nach Panama verkauft und des sozialistisch-bombastischen Namens entledigt. Fortan hieß sie ein Jahr lang „Volker“, und dann, zum 40. Geburtstag 1986, ging sie nach Norwegen, wurde im Oslofjord vertäut und nach dem norwegischen Forscher „Fridtjof Nansen“ benannt. In Oslo und dann auch in Southampton stand sie dann drei Jahre still und diente als Wohnschiff für Asylbewerber. Das ist doch mal was echt Soziales, oder nicht? Vielleicht muss man erst eine schillernde Karriere als Vorzeigeschiff des real existierenden Sozialismus hingelegt haben, bevor man dem Wort „sozial“ auf die Spur kommt und dann demütig und unbemerkt, stationiert im schmutzigen Southampton, wirklich nützlich sein kann für die sozial Unterprivilegierten.</p>
<p><strong>4. Die Revitalisierung als „Surriento“, „Italia Prima“ und „Athena“</strong></p>
<p>Doch das Hafendümpeln als „Fridtjof Nansen“ war noch lange nicht das Lebensende der ehemaligen „MS Völkerfreundschaft“. 1989 ging sie nach Genua über, wurde wieder einmal generalüberholt und umgebaut und in „Surriento“ umbenannt. Pavarottifans kennen das Wort vielleicht von dessen Lied „’Torna A Surriento“ („Ritorna á Sorrento“, also „zurück nach Sorrent“). Ein schmelzender, klangvoller Name, der wieder Lust macht auf Mittelmeer, Adria, Luxus, Sonne, Oberdeck. 1992 wurde unser Schifflein komplett umgebaut zu einem modernen Kreuzfahrtschiff – an die alte „Stockholm“ erinnert inzwischen kaum mehr was, aber so ist das doch auch bei alten, komplett neugelifteten Damen der High Society … 1995 bis 2005 heißt die „Surriento“ dann „Italia Prima“, und seit 2005 ist sie als „Athena“ unterwegs, inzwischen in griechischen Händen und für diverse Veranstalter, u.a. auch schon für Neckermann und Vivamare. Inzwischen wohl auch mit Passagieren an Bord, die jünger sind als das Schiff selbst – und mit 64 Jahren, mit einer wilden Jugend als Transatlantikschiff, einer spannungsreichen Zeit als DDRPrestigeobjekt und einer engagierten Lebensphase als Asylantenheim darf man sich den Sündenfall, im Alter für Neckermann auszulaufen, auch leisten.</p>
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		<title>Der Spreepark und seine Geschichte Teil 4</title>
		<link>http://www.maulbeerblatt.com/2010/05/der-spreepark-und-seine-geschichte-teil-4/</link>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kiezspaziergang]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz 1998 beschlossen hatte, dass der Plänterwald zu schützendes Naturschutzgebiet sei, fühlten sich die Wittes als Betreiber des Spreeparks gegen die Wand gefahren. Der Versuch, „den VEB Kulturpark in einen Freizeitpark moderner Prägung umzugestalten“, schien damit vom Senat sabotiert zu werden, denn, so schrieb die Spreepark GmbH 2001, „es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz 1998 beschlossen hatte, dass der Plänterwald zu schützendes Naturschutzgebiet sei, fühlten sich die Wittes als Betreiber des Spreeparks gegen die Wand gefahren. Der Versuch, „den VEB Kulturpark in einen Freizeitpark moderner Prägung umzugestalten“, schien damit vom Senat sabotiert zu werden, denn, so schrieb die Spreepark GmbH 2001, „es sei nie vorgesehen gewesen, den Plänterwald ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung zum Landschaftsschutzgebiet umzuwandeln“. Dass der Senat etwas gegen den Spreepark hatte, kann man auch einer Äußerung des damaligen Stadtrats Christian Muhs entnehmen: „Der Freizeitpark ist ein Krebsgeschwür im Plänterwald.“<span id="more-3206"></span></p>
<p>Die Wittes mussten nun den Rummelplatz wieder verkleinern, was wieder immense Unkosten bedeutete – der Bau des 10 Mio DM teuren Geisterschlosses wurde gestoppt, und mehr Parkplätze bekamen sie nach wie vor nicht. Mit der Umweltkeule hatte der Senat nun eine hübsche Ausrede, mit der er Wittes Parkplatzanträge immer wieder elegant abschmettern konnte. Umweltschutz kommt schließlich immer gut, und Umweltschutz ist ein schönes Totschlagargument, weil man darüber nicht diskutieren kann – wer es versucht, hat gleich den Ruf weg als einer, dem das Wohl der Natur schnurz ist.</p>
<p>Die Parkplatzprobleme und die problematische Verkehrsanbindung des Geländes waren für Witte aber wesentliche Faktoren dafür, dass von Jahr zu Jahr weniger Besucher ihren Weg zum Spreepark fanden. Da ihm der Senat nicht nur nicht half, der Besuchermisere entgegenzutreten, sondern ihm mit der Naturschutz-Schiene auch noch in den Rücken fiel, rutschte der Spreepark bald mehr und mehr in die roten Zahlen – neue Attraktionen, Reparaturen an den alten und auch Werbung fraßen eine Menge Geld, das nicht wieder reinkam. Und so wird sich Witte irgendwann gedacht haben: „Wozu reiß ich mir hier eigentlich den Arsch auf? Wenn das denen wurscht ist, was mit dem Rummel passiert, dann sollen sie sich ihren Spreepark doch achtern reinschieben!“ Die Presse stürzte sich dann 2002 wollüstig auf die Mär von Norbert Wittes „Flucht“ nach Peru – „heimlich“ habe er sechs Fahrgeschäfte verschifft, und überdies hätte er noch 30 Mio Schwarzgeld aus dem Spreepark im Gepäck, die ihm in Lima als Aufbaukapital dienen sollten. Woher aber hätte Witte so viel Geld haben sollen? Außerdem: Wenn er dieses Geld besessen hätte, hätte er doch gar nicht abhauen müssen! Und wie, dies fragt sich auch Christopher Flade, der Archivar der Homepage www.berliner-spreepark.de, will man sechs Rummelplatz-Fahrgeschäfte „heimlich“ über die Grenze „schmuggeln“? Wie will man eine derart große Aktion in Nacht und Nebel quasi unbemerkt und illegal deichseln? Wie kommen die Medien überhaupt auf „Illegalität“ und „Flucht“? Wovor hätte Norbert Witte „fliehen“ sollen? Er war ja nicht mal der Unterzeichner des Spreepark-Vertrages, das war seine Frau Pia. Und wenn es eine Flucht gewesen wäre, dann hätte er vermutlich auch nicht zwischen Peru und Berlin pendeln können.</p>
<p>Der Luna-Park in Lima war für die Wittes die Chance, die sich ihnen für einen Neuanfang bot. In Berlin saß das ganze Projekt im Senatssumpf fest, da ging nichts mehr. Und so griffen sie nach dem Strohhalm aus Peru.</p>
<p>Hätte die Sause dort funktioniert, hätte sich Witte bestimmt engagiert auch um den Berliner Rest bekümmert; so jedenfalls schätzt man ihn auch im Film ACHTERBAHN ein: als einen zwar risikofreudigen, aber auch tatkräftigen,sympathischen und zupackenden Mensch.</p>
<p>Doch sie funktionierte nicht. Die Karussells steckten in Peru ein Dreivierteljahr im Zoll fest. Als man sie endlich rausbekam, wurden – obwohl Witte ja ebendeshalb keine Einnahmen gehabt hatte – auch noch Standgebühren von ihm verlangt dafür, dass sie so lange im Zoll hatten rumgammeln dürfen. Und dann stellte sich raus, dass sie tatsächlich rumgegammelt hatten, denn sie gingen ziemlich schnell kaputt – ein neun Monate langes Rumstehen in geschlossenen Containern in feuchtheißer Umgebung ist für Karussellteile eben auch nicht gesund.</p>
<p>Und in Berlin wurde seit 2002 kein Handschlag mehr getan. Eine Anfrage des MBB beim zuständigen Stadtrat im Bezirksamt Treptow-Köpenick, Reiner Hölmer, ergab, dass das „Bebauungsplanverfahren 9-7 (Spreepark)“ seit 28. Mai 2002 laufe, es hätte seither mehrere Interessenten gegeben, doch bisher sei nichts unterschrieben und also auch nichts fix. Auf Deutsch: Große Eile scheint man damit nicht zu haben. Den Namen Witte erwähnte Hölmer kein einziges Mal, stattdessen verweist er auf die „Liegenschaftsfonds GmbH“, der es obliege zu klären, ob der Interessent Verfügungsberechtigter über das Baugrundstück werde und – weit wichtiger – ob er die finanzielle Absicherung der Gesamtentwicklung leisten könne. Ach, und klar: die Neunutzung käme nur auf dem Gelände des ehemaligen Spreeparks plus des denkmalgeschützten Eierhäuschens in Frage, dürfe auf keinen Fall das umliegende Land tangieren, da dieses den „Status Wald“ innehabe.</p>
<p>Wer ist denn überhaupt „Verfügungsberechtigter“ des Baugrundstücks? Sind das noch die Wittes? Wurde denen nicht schon längst gekündigt? Nein, schrieb die taz am 2.4.09, denn genau davor schreckt Berlin zurück: Wenn man Norbert Witte den Vertrag kündigt, dann muss die Stadt für die rund 11 Mio € Schulden aufkommen, für die sich die Spreepark GmbH damals der Deutschen Bank gegenüber verbürgt hatte.</p>
<p>Und Witte? Das Insolvenzverfahren, das die Spreepark GmbH damals gegen ihn angestrengt hatte, wurde eingestellt, da bei ihm nichts zu holen ist.</p>
<p>Jedenfalls müsse, so sagte die Liegenschaftsfonds GmbH letztes Jahr, erst die Übernahme der Altschulden geklärt werden. Und bis dahin… Däumchendrehen, Kaffeetrinken und dem Unkraut beim Wachsen zugucken. Immerhin scheint es jetzt mal einen Interessenten zu geben, der alle Voraussetzungen erfüllt: Er ist reich, er wird den „Status Wald“ des Plänterwalds nicht antasten und er wird auch darüber hinaus keinen Lärm und wenig Dreck machen. Die Kleist Projekt Development GmbH hat ihr Projekt „Lost Worlds“ vorgestellt, eine Art Dino-, Mythen- und Antike-Park, wo man in mehreren Museen das Leben früher studieren kann. Anscheinend haben die Präsentationen, die im Sommer ‘09 stattfanden, dem Senat gefallen; allerdings betonte Hölmer, dass „die Klärungen bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen“ seien. Also: Unterschrieben ist noch nix. Und wann was unterschrieben wird, weiß kein Mensch.</p>
<p>Am liebsten wäre es ihnen wohl sowieso, wenn nochmal acht Jahre verstrichen und nochmal und nochmal, bis wirklich der ganze ehemalige Spreepark inklusive Riesenrad restlos unter dem Moos und Gestrüpp verschwunden wäre. Dann müsste man den Senatssumpf nicht mehr ausheben, weil der dann sowieso verjährt wäre, und obendrein könnte man sich noch Ruhm und Ehre von der Umweltschutzfraktion abholen, weil man dann ja wirklich mächtig viel für das Naturschutzgebiet Plänterwald getan hätte. Und die Naturfraktion fordert ohnehin, dass man auf dem Areal gar nichts mehr bauen, sondern es Mutter Erde zurückgeben solle.</p>
<p>Ende der 4-teiligen Serie</p>
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		<title>Vom Kulturpark zum Spreepark</title>
		<link>http://www.maulbeerblatt.com/2010/04/vom-kulturpark-zum-spreepark/</link>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Spreepark also. Wenn man an der Haltestelle Treptower Park aussteigt und schön am Wasser entlang Richtung Südosten zwitschert, dann kommt man irgendwann zur „Zenner- Bar“, hinter der der Weg einen Knick macht, dann kommt ein Naturschutzschild mit dem Zusatz, dass hier für Hunde „Leinenzwang“ herrsche, dann kommen ein Grillschiff und ein Parkplatz – und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-3103" title="Riesenrad" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/03/Riesenrad.jpg" alt="Riesenrad" width="460" height="220" /></p>
<p>Der Spreepark also. Wenn man an der Haltestelle Treptower Park aussteigt und schön am Wasser entlang Richtung Südosten zwitschert, dann kommt man irgendwann zur „Zenner- Bar“, hinter der der Weg einen Knick macht, dann kommt ein Naturschutzschild mit dem Zusatz, dass hier für Hunde „Leinenzwang“ herrsche, dann kommen ein Grillschiff und ein Parkplatz – und dann sieht man eigentlich nur noch Bäume rechts und Wasser links. Ein paar Jogger kommen vorbei, ein paar Radfahrer. Hier irgendwo muss doch das blöde Riesenrad sein! Hier irgendwo muss doch der ehemalige Spreepark sein, die Dinos, die verfallenen Kassenhäuschen, die moosüberwachsenen Karussells und all das, was man im Film ACHTERBAHN sieht. Ich stelle fest, dass da ein Zaun ist, rechts, um die Bäume rum. Also kann ich nicht einfach so querfeldein stapfen. Ich gehe da, wo der Zaun aufhört, an ihm entlang in den Forst hinein – und plötzlich steht es direkt vor mir: das Riesenrad.<span id="more-3102"></span></p>
<p>Hier war von 1969 bis 1991 der „VEB Kulturpark Berlin“, und danach, bis 2002, der „Spreepark“. Über dreißig Jahre lang Remmidemmi und High Life, Lärm, Lichter, Achterbahn, Riesenrad, Ketten- und Kinderkarussell, Kindertheater, Stuntshows, Loopingbahn, Wildwasserbahn und noch ein Haufen weitere Attraktionen – seit 2002 holt sich die Natur das Areal zurück. Eine Geisterstadt ist es geworden, der ehemalige größte Rummelplatz der DDR, alles steht still, „die Lichter verglüht, die Blumen verblüht“, Gestrüpp und Unkraut wuchert, und überall sieht man noch Schneehaufen.</p>
<p>Das große Riesenrad war 1989, anlässlich des 40. Geburtstags der DDR, hingekommen – vorher stand da ein kleineres –, dann änderten sich die politischen Vorzeichen, und somit kann man es auch so sehen: Das Riesenrad ist das stehengebliebene Symbol der Stunde Null. Der „Kulti“, wie ihn die Ossis nannten, war zu DDR-Zeiten mächtig beliebt: Jährlich strömten bis zu 1,5 Millionen Besucher in den Plänterwald, und besonders in den Sommerferien wurde sich amüsiert auf Teufelkomm raus. Der Kulturpark war der einzige dauerhaft betriebene Rummel in der DDR, und was besonders wichtig war: Die Fahrgeschäfte stammten nicht aus der sozialistischen Zone, sondern wurden extra aus dem Westen importiert.</p>
<p>Auf diese Weise entstand auch der Kontakt zu Norbert und Pia Witte, die Ende der Siebzigerjahre in Hamburg arbeiteten: Pias Vater, selbst Schausteller, kaufte dem Kulturpark eine kaputte Achterbahn ab, die man in der DDR nicht reparieren konnte, Norbert Witte setzte sie wieder instand und betrieb sie als mobile Attraktion. Gleichzeitig waren die Wittes schon in den 80ern öfter zu Gast im Berliner Plänterwald; man kannte sich also. Und es war auch eine Art mystisches Homecoming für Norbert Witte, eine Art Nostos, denn Otto Witte, Norberts legendärer Großvater, hatte sich in den Dreißigerjahren mit seiner Familie in Berlin-Pankow (in der Wollankstraße) niedergelassen und war dann wohl auch auf dem „Rummelplatz Treptow“, wie die Gegend vor 1969 hieß, aufgetreten.</p>
<p>Nach der Wende musste der Berliner Kultursenat dann überlegen, was er mit dem ehemaligen „VEB Kulturpark“ machen wollte, und das Projekt wurde öffentlich ausgeschrieben. Die Familie Witte war zu der Zeit in ganz Europa unterwegs, um sich nach dem Kirmesunglück in Hamburg 1981 wieder hochzuarbeiten – Witte hatte damals seine Loopingbahn reparieren lassen, dabei war ein Kranarm in eine fremde Gondel geraten und hatte diese aufgeschlitzt. Es gab Tote und Verletzte, und da der Kran nicht versichert war, waren die Wittes danach pleite. Doch nun war da das Projekt Spreepark, und sie hatten Interesse daran und auch großartige Ideen. Jedenfalls wurde ihnen von insgesamt sieben Bewerbern der Zuschlag erteilt.</p>
<p>Die Besucherzahlen im Kulturpark waren nach der Wende zunächst zusammengebrochen, doch die Kultursenatoren trauten Witte zu, dass er die Attraktionen so um- und ausbauen würde, dass es auch für Wessis lohnend war, hierher zu kommen. Der Rummelplatz, damals nur auf etwa einem Drittel des gesamten Geländes stehend, sollte ausgedehnt werden zu einem „Freizeitpark“ nach westdeutschem Vorbild. Die Wittes legten sich ins Zeug, investierten Unsummen – doch es sollte nie so richtig was werden. Wie Christopher Flade auf seiner großartig recherchierten Informationsseite berliner-spreepark. de analysiert, waren daran nicht nur Norbert Wittes oft kritisierter „Größenwahn“ oder die hohen Reparatur- und Wartungskosten schuld, sondern auch der Filz im Berliner Kultursenat sowie konträre Interessen anderer Senatsressorts. So hätte Witte z. B. etwa vier Millionen DM aus dem „Aufbau Ost“-Topf erhalten unter der Bedingung, dass der Erbpachtvertrag für das Grundstück innerhalb von 4 Jahren zustande käme – doch obwohl Wittes Spreepark schon ab 1992 lief, wurde der Vertrag erst 1997 unterzeichnet. „Gönnte man dem Unternehmen keine Subventionen?“, fragt Flade. Vertraute man Witte nicht recht, weil man noch die Sache mit dem Hamburger Unglück im Kopf hatte? Sollte er deshalb alles allein bezahlen? Oder warum bearbeiteten die Zuständigen alles extra langsam? Zweiter Hemmschuh: Kaum war der Vertrag unterzeichnet, meldete sich die „Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz“ und verkündete, dass der gesamte Plänterwald unter Naturschutz stehe und davon auch das Rummel-Areal betroffen sei. Folge: Der Rummel musste verkleinert werden, und Witte bekam auch keine weiteren Parkplätze, die er immer und immer wieder beantragte. Hätte man das mit dem Naturschutz schon 1991 gewusst bzw. anmerken lassen, dann könnte der Spreepark heute noch stehen, denn dann hätten die Wittes nicht an die 40 Millionen DM in das geplante Großprojekt investieren müssen, um es dann sechs Jahre später auf Weisung von oben wieder verkleinern zu müssen. Und dann hätte Witte nie so hohe Schulden machen müssen, was ihn dann 2002 zum Abhauen zwang.</p>
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		<title>Der Karussell-König</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Mar 2010 06:00:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ni Gudix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kiezspaziergang]]></category>

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		<description><![CDATA[von Otto zu Norbert Witte Die Risikobereitschaft, die Abenteuerlust und das nicht totzukriegende Stehaufmännchensyndrom, das waren und sind die Charaktereigenschaften des Schaustellerclans der Wittes. Da ging es nicht einfach um ein Rummelbüdchen, das die Väter jeweils ihren Söhnen vererbten – nein, es mußte schon etwas mehr sein. Otto Witte landete nach seiner gelungenen Flucht aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2972" title="spreepark" src="http://www.maulbeerblatt.com/wp-content/2010/03/spreepark.jpg" alt="spreepark" width="460" height="250" /></p>
<p><em><strong>von Otto zu Norbert Witte</strong></em></p>
<p>Die Risikobereitschaft, die Abenteuerlust und das nicht totzukriegende Stehaufmännchensyndrom, das waren und sind die Charaktereigenschaften des Schaustellerclans der Wittes. Da ging es nicht einfach um ein Rummelbüdchen, das die Väter jeweils ihren Söhnen vererbten – nein, es mußte schon etwas mehr sein.<span id="more-2884"></span></p>
<p>Otto Witte landete nach seiner gelungenen Flucht aus Albanien im Februar 1913 zunächst in der Psychiatrie in Salzburg. Er hatte natürlich noch einige der wertvollen Geschenke mitgenommen, die man ihm in Tirana übergeben hatte, und da gab es nun Scherereien, als ihm die Zollbeamten diese aus den Taschen zogen. „<em>Wie heißen Sie?</em>“ – „<em>Otto Witte.</em>“ – „<em>Und was sind das für Perlen?</em>“ – „<em>Ja, wissen Sie, das hab ich zur Krönung geschenkt bekommen. Ich bin nämlich der ehemalige König von Albanien.</em>“ – „<em>Wie bitte?! </em>“ Will uns dieser Lump vergackeiern? Otto wurde verhört, denn man glaubte ihm nicht. Man sandte ein Telegramm nach Tirana, um sich bestätigen zu lassen, ob man dort einen Otto Witte kenne, der vorgibt, albanischer König zu sein? Nein, lautete die Antwort aus Tirana, kennen wir nicht – nun ja, wer gibt schon gern zu, daß er von einem Hochstapler geleimt wurde? Also kam Otto als gefährlicher Irrer (hält sich für den König von Albanien und hat wohl auch Schmuck geraubt!) in die Klapse und blieb dort, bis der Chefarzt ein paar Tage später mit einer alten Zeitung ankam, in dem über die Krönung des albanischen Königs berichtet wurde – mit Bild. „<em>Sehen Sie</em>“, sagte Otto, „<em>glauben Sie mir jetzt? Ich bin wirklich der Ex-König von Albanien!</em>“ Und grinste. Und man ließ ihn laufen.</p>
<p>Damals waren die Medien noch nicht so flächendeckend und so schnell wie heute, und so wußte Otto nicht, ob man zuhause in Heimbach schon von seiner Köpenickiade auf dem Balkan erfahren hatte. Doch inzwischen hatten sich auch die Salzburger Zeitungsfuzzis auf die Story gestürzt, und so reiste Otto seinem royalen Ruf hinterher und wurde, daheim angekommen, von seiner Frau ausgeschimpft, die besonders die Tatsache auf die Palme brachte, daß Otto im Palast in Tirana einen eigenen Harem gehabt hatte, mit 11 (!) hübschen jungen Mädchen darin!</p>
<p>Otto Witte hatte seine Familie nicht in seine Balkanabenteuer hineingezogen. Seine Frau lebte mit den vier Kindern in Heimbach, während Otto in der Weltgeschichte herumturnte. Dabei wird es wohl schon so gewesen sein, daß Otto den Spionage-Auftrag annahm, um ein wenig hinzuzuverdienen, und den Albanien-Coup dann als Krönung – Achtung Doppeldeutigkeit! – hintendranhängte. Und da er davongekommen war und es, außer dem kurzen Aufenthalt in der Klapse, keine ernsten Folgen gegeben hatte, wurde der Coup dann auch schön ausgeschlachtet und wieder und wieder erzählt. „<em>Unser Opa</em>“, erinnerten sich Ottos Enkelinnen später, „<em>hat halt gerne rumgesponnen.</em>“ Mit seiner „<em>Lieblingstochter</em>“ trat Otto in den Endzwanzigern und später in Revuen als „König Otto und Prinzessin Elfriede“ auf, entsprechend kostümiert: er mit türkischem Fez und seiner Phantasieuniform am Leib, Elfriede im orientalisch gemusterten Bordürenkleid.</p>
<p>Norbert Witte, geboren 1955 in Hamburg, war nach Otto der nächste „<em>royale</em>“ Witte der Dynastie: als „<em>Karussell-König</em>“ wurde er Ende der Siebzigerjahre bekannt. Norberts Vater, Ottos jüngster Sohn Karl, war ein eher braver, solider, ruhiger Charakter gewesen, doch bei Norbert machten sich Opas Gene wieder bemerkbar. Ottos Risikofreudigkeit und sein Stehaufmännchensyndrom, gewürzt mit einer Prise Phantasie und Größenwahn, hatte Norbert geerbt. Alles auf eine Karte setzen, wer wagt, gewinnt – und wer nicht gewinnt, nun, dem fällt dann schon was anderes ein.</p>
<p>In die Zeitungen kam Norbert zuerst, weil sein „<em>Katapult</em>“ die damals schnellste Achterbahn der Welt war – und dann wieder 1981, als ihm auf dem Hamburger Volksfest „Dom“ ein Unfall passierte, der sieben Menschen das Leben kostete. Der Arm seines Krans war in ein anderes Karussell geraten und hatte dieses zerstört, und da der Kran nicht versichert war, waren die Wittes danach erst mal pleite. Doch sie kamen wieder auf die Beine und griffen auch gleich wieder nach den Sternen. Nach der Wende übernahmen sie das Areal, auf dem zu DDR-Zeiten der „<em>Plänterwald-Kulturpark</em>“ war, und wollten aus dem „<em>Spreepark</em>“ den größten Rummel im wiedervereinigten Deutschland machen. Doch nach einer Weile ging auch das in die Hose, Witte verspekulierte sich, machte Schulden – und haute 2002 mit einigen abmontierten Karussellen nach Peru ab. „<em>Flucht</em>“ hieß es dann in den Zeitungen, doch Witte sieht es nicht so. Eine Emigration sei es gewesen, man hatte in Peru schlicht neu anfangen wollen. Aber der „Luna-Park“ in Lima kam nicht recht in Schwung, man schrieb mehr rote als schwarze Zahlen, und um sich die Rückreise nach Deutschland finanzieren zu können, ließ sich Norbert Witte von der peruanischen Drogenmafia kaufen: er sollte in einem seiner Karussellmasten Koks nach Deutschland einschmuggeln. Doch er wurde gekitscht.</p>
<p>Heute ist Norbert wieder auf dem Spreeparkgelände tätig. Seit 2002 war es Brachland, jetzt will man wieder was drauf bauen. Im Film ACHTERBAHN von Peter Dörfler, der zu Ostern 2010 als DVD erscheint und in dem es um das Auf und Ab der Familie Witte zwischen Berlin und Lima geht, sieht man die verrosteten Gestelle, das stehende Riesenrad, und dazwischen Norbert, der die Achseln zuckt und sagt, daß man auch in schlechten Zeiten nicht verzagen dürfe, „<em>das liegt uns Schaustellern schon in der Wiege.</em>“ Anders als Opa Otto aber kam er nicht mit ein paar Tagen Klapse davon, sondern mit sieben Jahren Gefängnis – und schlimmer noch: sein Sohn Marcel, angeblich auch im Koksdeal verwickelt, bekam 20 Jahre aufgebrummt und sitzt immer noch. In Peru, in einem der brutalsten Knäste der Welt. Auch das sieht man in ACHTERBAHN, wenn Wittes Ex-Frau und seine Tochter nach Lima reisen, um Marcel zu besuchen. Im Unterschied zu Otto hatte Norbert bei seinen Kamikaze-Eskapaden nämlich seine Familie mit hineingezogen, und das macht ihm seine Ex-Frau zum Vorwurf.</p>
<p>Und doch: grinsen kann er immer noch. Oder schon wieder. Er könne ja schließlich nicht nur heulen, oder? Das Leben geht weiter. „<em>Und wenn Marcel rauskommt…</em>“</p>
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