Maulbeerblatt

Das Kulturmagazin für den Berliner Südosten – aus dem Hause elf62.net

Wissenswertes über Wendenschloß

Kiezspaziergang Holger Claassen |

Künftiger Kritik vorgreifend, deren Bestand der Mangel von Fakten in meinen Texten sei, werde ich nun beim Spaziergang auf mein außerordentliches Allgemeinwissen zurückgreifen und einen Kiez kurzerhand in Wissenswertes zerlegen.

Wendenschloß beginnt mit der Wendenschloßstr., hat 6,218 Bäcker pro 3000 Einwohner, eine Tankstelle, einen Aldi-Markt, siebzehnhundert Meter Reihenhaus mit durchschnittlich 6 DHH auf 18,6 km2. Der Wendenschloßbewohner hat ca. 2,3 Kinder auf 2 Wohnküchen, 1 Auto, 2 Klappräder, auf 100 von ihnen kommen 6 mit Hochschulreife, 19 Akademiker, 7 ehemalige IMs, 3 Nazis und 14000 Unionfans. Unter 7 von 12 finden wir 8, die schon mal ein Rendezvous mit einem volljährigen Kaninchen hatten, 21 auf Hundert sind über 171 cm groß, haben dunkles Haar, graugrasse Augen und machen in der Regel zweimal wöchentlich einen Großeinkauf.

Wie viele unter ihnen zur Herrschsucht neigen, ist derzeit noch unerforscht und wird in einer gesonderten Untersuchung zu klären sein. In Wendenschloss wohnen z.Z. 7 asiatische und 9686 sächsische Einwanderer, W hat einen Straßenbahnhof, eine nach den Wenden benannte Straßenbahnschleife, das Funkwerk, die bedeutsame Siegfried Berger Straße, 17 a.D. gestellte Abschussrampen für SS25 Mittelstreckenraketen, einen Creatör’ch’dotomobil- Automobilhändler, ein Nahezu- Einkaufscenter mit ärztlicher Versorgung für im Konsumrausch Gestrauchelte, den Lienhardweg, die Grüne Trift am Walde, einen subterranen Weltraumbahnhof, beinahe den Müggelturm und weitere Superlative wie bestes, letzteres, pittoreskes und großspurigstes gut getarnt im verheißungsvollen Namen. Weiterhin verwiese man nicht ohne Stolz auf die in dieser Gegend einmaligstestete Mischarchitektur, von protziger Platte bis Proletenvilla, vereinzelt stehen vom Grün begrenzte Mehrfamilienhäuser am Trottoir, dicht gefolgt von einem Ensemble hochherrschaftlicher Nichtarbeiterhäuser. Es gibt ein Stück Gastronomiebetrieb, namentlich das Wendenschloß oder so ähnlich, das mit dem Tagesangebot Käsebrot lockt. Helge- Fans inda House?

Woher ich das alles weiß?
Weiß ich nicht, aber so was fällt genau jenem ein, der mal auf der nicht endenden wollenden Fernstraße sein sechstes Paar englischer Schuhe zertrat. Aber die Mühe lohnt, denn es wird von Schritt zu Schritt schöner. Hier gibt es noch Häuser in der Einheitsfarbe vergangener Epochen, die Stein auf Stein-Helden mit Meisterhand gekonnt in die landschaftliche Idylle zauberten. Da kann man wohl froh sein, dass der nächste Obi Galaxien entfernt von dieser Idylle liegt, sonst bekäme man hier wohl auch schon eins mit der breiten Farbauswahl-Keule übergezogen.

Das Kiez hat für mich den Charme einer Heimstadt für Großstadtflüchtlinge mit heimlicher Rückfahrkarte, am Ende der endlos wirkenden Wendenschloßstraße der Blick nach Grünau auf die Regattastrecke und die Gewissheit, dass Balduin Möllhausen, der von 1825- 1905 hier nicht lebte, so aber 113 Jahre wurde. Wer’s nicht glaubt, der mache sich die Mühe …